Die Weinlese: Hand- oder Maschinenlese?

Kurz gesagt: Bei der Weinlese entscheidet der Winzer anhand von Zucker, Säure, pH-Wert und Geschmack, wann die Trauben reif sind. Gelesen wird von Hand oder mit dem Traubenvollernter: Die Handlese erlaubt eine gezielte Auswahl, die Maschine ist schneller und günstiger. Moderne Sortiertechnik gleicht einen Teil des Unterschieds aus.

Der wichtigste Tag des Jahres

Nach einem Jahr Arbeit im Weinberg fällt bei der Lese die Entscheidung, welche Trauben in welchem Zustand in den Keller kommen. Ein paar Tage zu früh, und dem Wein fehlt Reife; ein paar Tage zu spät, und die Säure ist verflogen oder Fäulnis breitet sich aus. Kein Wunder, dass Winzer im Herbst nervös aufs Wetter schauen.

Entscheidend sind Zuckergehalt (das Mostgewicht, gemessen in Grad Oechsle), Säure und pH-Wert – und der Geschmack der Beeren. Sonnige Tage und kühle Nächte erlauben, mit der Lese zu warten; bei viel Regen wird eher früher gelesen, damit die Trauben nicht faulen. Je nach Rebsorte zieht sich die Lese über mehrere Wochen.

Wann beginnt die Lese?

Eine alte Faustregel besagt: Rund 90 bis 100 Tage nach der Blüte sind die Trauben lesereif. Langzeitbeobachtungen der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim bestätigen diese Regel. Als Erstes werden Trauben für Federweißen und Sektgrundweine gelesen, oft frühreife Sorten wie Ortega und Solaris. 2020 startete die Federweißer-Lese in der Pfalz am 10. August; den bis dahin frühesten Termin hatte Rheinhessen am 6. August 2018 gemeldet.

Der Trend ist eindeutig. 2026 begann die Lese laut Deutschem Weininstitut in allen deutschen Anbaugebieten so früh wie nie seit Beginn der regelmäßigen Erfassung; die Hauptlese setzte ein bis zwei Wochen früher ein als in den Vorjahren. „Im Vergleich zu vor 30 oder 40 Jahren sind es sicherlich vier Wochen früher“, sagt Ernst Büscher vom DWI. Die Kehrseite: hohe Mostgewichte und damit kräftige Weine, während der Markt eher leichte Weine mit weniger Alkohol nachfragt, und anhaltende Hitze kann die Säure abbauen. Mehr zum Jahreslauf im Beitrag Das Weinjahr im Weinberg.

Einige Weine verlangen besondere Lesen. Für Eiswein werden die Trauben gefroren gelesen, bei Temperaturen von mindestens minus 7 Grad. Für Spätlesen und höhere Prädikate warten Winzer bewusst länger, um höhere Mostgewichte zu erreichen. Die Geschichte, wie die Spätlese angeblich durch einen verspäteten Kurier entdeckt wurde, gilt übrigens als Legende.

Handlese: Auswahl am Rebstock

Bei der Handlese schneiden Lesehelfer die Trauben mit Schere oder Messer vom Stock, sammeln sie in Eimern und bringen sie in größeren Behältern zum Weg. In Steillagen geschieht das oft mit der Hotte, einer auf dem Rücken getragenen Kiepe. Am Bremmer Calmont, dem steilsten Weinberg Europas, ist ausschließlich Handlese möglich. Beim Weingut Franzen arbeiten sich dort zwölf Lesehelfer in einer Reihe durch die Rebzeilen, füllen ihre Eimer mit Riesling-Trauben und leeren sie in die Hotte. Ziel des Betriebs ist ein früher Lesestart, damit der Großteil bis Mitte Oktober im Keller ist.

Der große Vorteil: Geschulte Helfer können selektiv lesen. Faule, unreife oder beschädigte Trauben bleiben hängen oder landen in einem separaten Behälter. Bei edelsüßen Weinen werden mitunter nur einzelne, von Edelfäule befallene Beeren ausgelesen.

Der Nachteil ist der Aufwand. Am Calmont rechnet das Weingut Franzen mit rund 1.200 Arbeitsstunden pro Hektar und Jahr, in Weinbergen mit Vollernter sind es dort zufolge etwa 200. Hinzu kommt, dass die Konzentration der Helfer mit der Zeit nachlässt – auch eine Handselektion ist nicht lückenlos.

Maschinenlese: der Traubenvollernter

In flachen und mäßig geneigten Weinbergen ist der Traubenvollernter längst etabliert. Die Maschine fährt über die Rebzeile und löst die Beeren durch Schwingungen von den Stielen, die Stiele bleiben weitgehend am Stock. Das geht deutlich schneller als mit einer Lesemannschaft, spart Kosten und erlaubt, sehr kurzfristig zu reagieren – etwa wenn Regen angekündigt ist und die Trauben schnell vom Stock müssen.

Die Schwäche: Eine Auswahl am Stock ist kaum möglich, und eine Vorselektion von Hand vor dem Vollernter ist laut DLR Mosel finanziell und zeitlich sehr aufwendig. Außerdem wird das Lesegut zum Teil schon angequetscht. Für Weine, bei denen ganze, unversehrte Trauben wichtig sind, ist die Handlese deshalb weiter erste Wahl.

Auch in Steillagen hält die Technik Einzug. Steillagenvollernter und Lesevorsätze für kettengetriebene Raupenfahrzeuge machen die maschinelle Lese inzwischen in vielen Steillagen möglich.

Sortierung: die Selektion nach der Lese

Wo die Maschine liest, verlagert sich die Auswahl ins Weingut. Das DLR Mosel hat dazu die vollautomatische optische Traubensortierung untersucht: Kameras erkennen faule oder unreife Beeren, Luftdüsen schießen sie aus dem Strom. Für sauberes Lesegut sind Selektionsraten von über 95 Prozent nötig, die laut den Versuchen auch bei Vollernterlesegut erreichbar sind. Ein Sortierer mit 60 Zentimetern Bandbreite schafft 4.000 bis 5.000 Kilogramm pro Stunde.

Spannend ist ein Nebeneffekt: Die Trennung in saubere und botrytisbefallene Beeren ermöglicht zwei verschiedene Weine. Die grüne Partie eignet sich für trockene Weine mit moderatem Alkohol, die botrytisbelastete für edelsüße Weine. In normalen Jahren liegt der Botrytisanteil laut Studie meist unter 15 Prozent.

Nach der Lese: schnell in den Keller

Egal ob von Hand oder per Maschine gelesen: Das Lesegut soll möglichst rasch ins Kelterhaus. Je länger Trauben in Behältern stehen, desto größer ist das Risiko, dass angequetschte Beeren zu gären beginnen oder oxidieren. Im Weingut werden Weiß- und Roséweintrauben gepresst, Rotweintrauben gären zunächst einige Tage auf der Maische, damit sich der Farbstoff aus den Beerenhäuten löst. Wie es danach weitergeht, erklärt der Überblick „Wie wird Wein gemacht?“.

Für viele Weingüter ist die Lese auch logistisch ein Kraftakt: Lesehelfer müssen organisiert, Maschinen gebucht, Presse und Tanks freigehalten werden. Wenn wie 2026 fast alle Sorten gleichzeitig reif sind, wird der Herbst besonders eng. Einige Winzer unterbrachen in diesem Jahr sogar ihren Urlaub, um rechtzeitig mit der Ernte zu beginnen.

Hand- und Maschinenlese im Vergleich

KriteriumHandleseMaschinenlese
Selektiondirekt am Stock möglichkaum; Sortierung danach im Weingut
Tempolangsamsehr schnell
Kostenhochdeutlich niedriger
Lesegutganze Trauben, unversehrtEinzelbeeren, teils angequetscht
Einsatzgebietalle Lagen, in Steilstlagen oft einzig möglichflache und mittlere Lagen, zunehmend auch Steillagen
Typisch fürSpitzenweine, edelsüße Weine, SchaumweinAlltagsweine, große Flächen

Wichtig: Die Lesemethode allein sagt wenig über die Qualität. Sauberes, reifes Lesegut zum richtigen Zeitpunkt ist entscheidender als die Frage, ob Mensch oder Maschine es geerntet hat.

Typische Missverständnisse und Tipps

  • „Handlese ist immer besser.“ – Nicht automatisch. Eine gut eingestellte Maschine mit guter Sortierung kann sehr sauberes Lesegut liefern.
  • „Die Lese ist im Oktober.“ – Heute beginnt sie oft schon im August und ist vielerorts im September weitgehend abgeschlossen.
  • „Frühe Lese heißt unreif.“ – Wärmere Sommer lassen die Trauben schlicht früher reifen.

Die Lese hautnah zu erleben, gehört zu den schönsten Weinerlebnissen. Viele Weingüter suchen Lesehelfer oder bieten Leseerlebnisse an. Wer die Ergebnisse vergleichen will, probiert einen handgelesenen Steillagen-Riesling von der Mosel neben einem einfachen Riesling aus flachen Lagen.

Passend dazu bei weinverbot.de

Häufige Fragen

Wann ist Weinlese in Deutschland?

Die Hauptlese findet heute meist im September statt, erste Trauben für Federweißen werden oft schon im August gelesen. 2026 begann die Lese so früh wie nie zuvor.

Was ist besser, Hand- oder Maschinenlese?

Die Handlese erlaubt eine gezielte Auswahl am Rebstock, die Maschine ist schneller und günstiger. Mit moderner Sortierung kann auch Maschinenlesegut sehr sauber sein.

Warum wird in Steillagen von Hand gelesen?

Weil normale Maschinen dort nicht fahren können. Steillagenvollernter und Raupenfahrzeuge machen die Maschinenlese aber zunehmend auch dort möglich.

Woran erkennt der Winzer den richtigen Lesezeitpunkt?

An Mostgewicht, Säure, pH-Wert und am Geschmack der Beeren, dazu am Wetter der kommenden Tage.

Quellen

Wein ist ein Genussmittel. Diese Seite richtet sich ausschließlich an Erwachsene. Bitte genieße verantwortungsvoll.

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