Kurz gesagt: Die sechs Prädikate – Kabinett, Spätlese, Auslese, Beerenauslese, Trockenbeerenauslese und Eiswein – beschreiben Reife und Art der Lese, nicht die Süße. Prädikatsweine dürfen nicht angereichert werden und brauchen eine amtliche Prüfnummer. Ob ein Prädikatswein trocken oder süß ist, verrät erst die Geschmacksangabe.
Was ein Prädikat ist
Prädikate sind ein deutsches Markenzeichen. Sie stufen Wein nach der Reife der Trauben bei der Lese ein – gemessen am Mostgewicht, also dem Zuckergehalt des Traubensafts. Je reifer die Trauben, desto höher das mögliche Prädikat. Wie man das misst, erklärt der Artikel Oechsle-Grad.
Rechtlich geregelt sind die Prädikate in § 20 des Weingesetzes. Danach darf ein inländischer Wein nur dann als Prädikatswein mit einer der sechs Bezeichnungen vermarktet werden, wenn ihm das Prädikat auf Antrag zuerkannt wurde und er eine amtliche Prüfnummer erhalten hat. Der Wein muss die für das Prädikat typischen Merkmale aufweisen. Und: Für alle Prädikate gilt, dass keine Anreicherung vorgenommen werden darf – dem Most darf also kein Zucker zugesetzt werden, um den Alkoholgehalt zu erhöhen.
Das Prinzip stammt aus einer Zeit, in der reife Trauben in Deutschland keine Selbstverständlichkeit waren. Hohe Reife war selten und wertvoll – entsprechend stand das Prädikat für Prestige.
Stand: Oktober 2026. Dieser Überblick ist keine Rechtsberatung. Wo Prädikatswein im Gesamtsystem steht, erklärt der Artikel Qualitätsstufen in Deutschland.
Die sechs Prädikate im Überblick
Die folgende Tabelle fasst die Vorgaben aus § 20 Weingesetz zusammen. Die Mindestmostgewichte legen die Bundesländer fest; als Beispiel dienen die Werte aus Nordrhein-Westfalen.
| Prädikat | Anforderung an das Lesegut (§ 20 WeinG) | Mindestmostgewicht NRW (Riesling / andere) |
|---|---|---|
| Kabinett | keine Anreicherung | 70 / 73 °Oe |
| Spätlese | vollreife Trauben aus später Lese | 78 / 80 °Oe |
| Auslese | vollreife oder edelfaule Trauben | 85 / 88 °Oe |
| Beerenauslese | edelfaule oder mindestens überreife Beeren, Handlese | 110 °Oe |
| Trockenbeerenauslese | weitgehend eingeschrumpfte, edelfaule Beeren, Handlese | 150 °Oe |
| Eiswein | Trauben bei Lese und Kelterung gefroren | 110 °Oe |
Andere Länder und Anbaugebiete können andere Werte haben. Das Weingesetz erlaubt den Landesregierungen in § 17 ausdrücklich, die Mindestwerte nach Anbaugebiet und Rebsorte abzustufen. Riesling hat im NRW-Beispiel etwas niedrigere Werte als andere Sorten.
Kabinett, Spätlese, Auslese
Kabinett ist das Prädikat mit den geringsten Reifeanforderungen. German Wine USA beschreibt Kabinettweine als leicht, trocken bis halbtrocken und mit moderatem Alkohol; die Trauben stammen aus der normalen Lese. Viele Weinfreunde schätzen den klassischen fruchtsüßen Mosel-Kabinett mit seiner Leichtigkeit, doch Kabinett gibt es auch trocken.
Spätlese heißt wörtlich „späte Lese“. Laut Weingesetz müssen die Trauben vollreif sein und in einer späten Lese geerntet werden. Spätlesen sind intensiver und konzentrierter, aber nicht zwingend süß. Die Geschichte des Begriffs ist eng mit einer bekannten Anekdote verbunden – mehr dazu, und warum sie als Legende gilt, im Artikel über den Spätlesereiter.
Auslese bedeutet, dass nur vollreife oder edelfaule Trauben verwendet werden. Laut German Wine USA werden sie häufig von Hand ausgelesen; Auslesen sind meist, aber nicht immer süß. Die Landesregierungen können laut § 20 Absatz 6 sogar Handlese für Auslese vorschreiben.
Ein Wort zum Klimawandel: In warmen Jahren erreichen Trauben oft hohe Reifegrade, und damit wären vielfach auch höhere Prädikate möglich, als am Ende auf dem Etikett stehen. BKWine weist darauf hin, dass zahlreiche Erzeuger ihre Weine trotzdem bewusst „nur“ als Qualitätswein vermarkten. Ein fehlendes Prädikat ist also kein Hinweis auf unreife Trauben. Hintergründe dazu im Artikel Klimawandel im Weinbau.
Die edelsüßen Raritäten: BA, TBA und Eiswein
Die drei höchsten Prädikate stehen für seltene, meist süße Weine, die nur in bestimmten Jahren möglich sind.
- Beerenauslese (BA): aus edelfaulen oder mindestens überreifen Beeren, die von Hand gelesen werden müssen. Laut German Wine USA entstehen so reichhaltige, süße Weine.
- Trockenbeerenauslese (TBA): aus weitgehend eingeschrumpften, edelfaulen Beeren – „trocken“ bezieht sich hier auf die rosinenartig eingetrockneten Beeren, nicht auf den Geschmack. Ausnahmsweise genügen überreife, eingeschrumpfte Beeren, wenn sich wegen Sorte oder Witterung keine Edelfäule gebildet hat. Handlese ist Pflicht.
- Eiswein: Die Trauben müssen bei Lese und Kelterung gefroren sein. Das Wasser bleibt als Eis in der Presse zurück, der konzentrierte Saft läuft ab. Laut § 17 muss der Mindestalkoholgehalt dem der Beerenauslese im jeweiligen Gebiet entsprechen.
Was Edelfäule ist und wie sie entsteht, erklärt der Artikel Edelfäule und Botrytis, alles zum gefrorenen Spezialfall steht unter Eiswein. Für die Prädikate BA, TBA und Eiswein liegt der gesetzliche Mindestgehalt an vorhandenem Alkohol laut § 17 bei 5,5 Volumenprozent, bei Kabinett, Spätlese und Auslese bei 7 Volumenprozent. Edelsüße Weine sind konzentriert und intensiv – ein kleines Glas reicht für den Genuss.
Prädikat ist nicht gleich Süße
Das größte Missverständnis rund um Prädikate: Viele halten Spätlese oder Auslese automatisch für süße Weine. Tatsächlich sagt das Prädikat nur etwas über die Reife der Trauben bei der Lese. Ob der Winzer den Zucker vollständig vergären lässt oder Restsüße im Wein belässt, ist eine eigene Entscheidung.
Eine trockene Spätlese ist deshalb nichts Ungewöhnliches. Laut German Wine USA wird die Süße vom Winzer festgelegt und ist unabhängig von der Reife. Den Unterschied erkennst du an der Geschmacksangabe auf dem Etikett:
| Angabe | Bedeutung (laut German Wine USA) |
|---|---|
| trocken | bis 9 g/l Restzucker, sofern die Säure höchstens 2 g/l darunter liegt |
| halbtrocken | bis 15 g/l Restzucker |
| feinherb | kein gesetzlich definierter Begriff, meist ähnlich halbtrocken |
| ohne Angabe | bei Prädikatswein oft ein Hinweis auf Restsüße |
Mehr dazu im Artikel trocken, feinherb, halbtrocken und im Beitrag zum Restzucker.
Der Trend geht übrigens klar zu trockenen Weinen: Laut Deutschem Weininstitut waren 2025 bei den geprüften Qualitäts- und Prädikatsweinen 53 Prozent trocken, 19 Prozent halbtrocken und 28 Prozent lieblich oder süß.
Prädikate und Herkunftspyramide
Seit dem neuen Weinrecht von 2021 gibt es neben den Prädikaten eine Herkunftspyramide. Laut BKWine laufen beide Systeme parallel: Ein Prädikat kann theoretisch auf jeder Herkunftsstufe vorkommen. Jeder Prädikatswein darf außerdem als Qualitätswein verkauft werden, nicht aber umgekehrt – und viele Erzeuger nutzen das, gerade bei trockenen Weinen.
Besonders deutlich wird das beim VDP: Dort heißen die trockenen Spitzenweine aus Großen Lagen Großes Gewächs und tragen kein Prädikat. Laut Oxford Companion muss das Mostgewicht für ein VDP-GG aber mindestens Spätlese-Niveau erreichen. Mehr zum Verbandsmodell unter VDP-Klassifikation, zur staatlichen Pyramide unter Die neue Herkunftspyramide.
Tipps für Einkauf und Genuss
- Kabinett ist ein guter Einstieg in den feinen, leichten Stil deutscher Weißweine, vor allem beim Riesling.
- Spätlese und Auslese mit Restsüße passen zu würziger Küche oder zu Käse; trockene Spätlesen zu kräftigeren Gerichten.
- BA, TBA und Eiswein sind Dessertweine für besondere Anlässe; serviere sie gut gekühlt in kleinen Portionen.
- Prädikatsweine mit Restsüße sind oft erstaunlich lagerfähig, siehe lagerfähige Weine erkennen.
- Lies immer auch die Geschmacksangabe – sie verrät mehr über den Stil als das Prädikat.
Ein Beispiel für einen fruchtsüßen Prädikatswein im Sortiment ist die Peter Mertes Spätlese lieblich; für trockene Rieslinge lohnt der Blick in die Kategorie trockener Weißwein.
Passend dazu bei weinverbot.de
- Riesling – Die klassische Prädikatssorte
- Lieblicher Weißwein – Fruchtsüße Weine
- Peter Mertes Spätlese – Fruchtsüße Spätlese
- Wein aus Deutschland – Alle Anbaugebiete
Häufige Fragen
Ist Spätlese immer süß?
Nein. Das Prädikat beschreibt die Reife der Trauben. Es gibt trockene, halbtrockene und süße Spätlesen – die Geschmacksangabe verrät den Stil.
Welches Prädikat ist das höchste?
Gemessen am Mostgewicht ist es die Trockenbeerenauslese. Eiswein steht mit seinen besonderen Lesebedingungen daneben.
Darf Prädikatswein gezuckert werden?
Eine Anreicherung, also Zuckerzugabe vor der Gärung zur Erhöhung des Alkohols, ist bei allen Prädikaten verboten (§ 20 WeinG). Stand: Oktober 2026.
Was bedeutet „Trocken“ in Trockenbeerenauslese?
Es bezieht sich auf die eingetrockneten, rosinenartigen Beeren, nicht auf den Geschmack. Trockenbeerenauslesen sind in aller Regel süß.
Quellen
- Gesetze im Internet: § 20 Weingesetz
- Gesetze im Internet: § 17 Weingesetz
- Land NRW: Mindestmostgewichte (Anlage 3)
- German Wine USA: Classification & Labeling
- BKWine: The new German wine classification
- Oxford Companion to Wine (ckbk): Grosses Gewächs
- Meininger: Trocken bleibt im Trend (Zahlen des DWI)
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