Die Anfänge des Weins: Georgien und der Kaukasus

Kurz gesagt: Die ältesten chemischen Nachweise von Traubenwein stammen aus Georgien und datieren auf etwa 6000 v. Chr. Gefunden wurden sie in großen Tonkrügen jungsteinzeitlicher Dörfer südlich von Tiflis. Genetische Studien zeigen, dass die Weinrebe etwa zur gleichen Zeit wie der Ackerbau domestiziert wurde – parallel im Kaukasus und im Nahen Osten.

Die Suche nach dem ersten Wein

Wann haben Menschen zum ersten Mal Wein gemacht? Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht genau. Vergorener Traubensaft hinterlässt keine Knochen und keine Werkzeuge, und die Gärung selbst passiert ohne menschliches Zutun, sobald zerdrückte Trauben eine Weile stehen. Die ersten „Weine“ dürften also eher Zufall gewesen sein. Archäologen können aber zeigen, wann Menschen Trauben gezielt in Gefäßen verarbeitet und aufbewahrt haben – und dafür brauchen sie Chemie.

Der wichtigste Beweis ist die Weinsäure. Sie kommt in größeren Mengen fast nur in Trauben vor und kann sich über Jahrtausende in den Poren von Tongefäßen halten. Findet man sie zusammen mit weiteren Fruchtsäuren in einem antiken Krug, ist das ein starkes Indiz dafür, dass darin Traubensaft oder Wein gelagert wurde. Wie die Gärung selbst funktioniert, erklärt der Beitrag zur alkoholischen Gärung.

Georgien: Weinkrüge aus der Jungsteinzeit

Den bislang ältesten chemischen Nachweis von Traubenwein lieferte 2017 ein internationales Forschungsteam. Die Studie erschien am 13. November 2017 in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS). Leiter war Patrick McGovern vom Museum der University of Pennsylvania, ein Pionier der sogenannten biomolekularen Archäologie; Mitautor war unter anderem Stephen Batiuk von der University of Toronto. Beteiligt waren auch die georgische Regierung, die Nationale Weinagentur Georgiens und der georgische Weinverband.

Untersucht wurden Scherben aus zwei jungsteinzeitlichen Dörfern: Gadachrili Gora und Shulaveris Gora in der Provinz Niederkartlien (Kvemo Kartli), etwa 50 Kilometer südlich der Hauptstadt Tiflis, nahe dem Fluss Kura. Beide gehören zur sogenannten Shulaveri-Shomutepe-Kultur, die bis nach Aserbaidschan und ins armenische Hochland reichte.

DetailBefund
Datierungälteste Phase etwa 6000 bis 5800 v. Chr., jüngere Phasen bis etwa 5500 v. Chr.
GefäßeFragmente von acht großen Tonkrügen
Größe der Krügefast ein Meter hoch und breit, Fassungsvermögen über 300 Liter
NachweisWeinsäure sowie Äpfel-, Bernstein- und Zitronensäure
Methodeunter anderem Flüssigchromatographie mit Tandem-Massenspektrometrie
Zusätzekeine Baumharze, keine Kräuter, kein Honig

Die Datierung beruht auf Radiokarbonmessungen an kurzlebigen Pflanzenresten und Holzkohle. Kontrollproben aus dem umgebenden Boden zeigten, dass die Fruchtsäuren nicht von Mikroorganismen stammen. Pollenanalysen legen nahe, dass das Klima damals dem heutigen sehr ähnlich und ideal für die eurasische Weinrebe war.

Krüge in der Erde: Vorläufer der Qvevri?

Die Form der Gefäße ist aufschlussreich. Ihr kleiner Boden spricht dafür, dass sie ganz oder teilweise in die Erde eingegraben waren. Das erinnert an die Qvevri, die großen Tongefäße, in denen in Georgien bis heute Wein vergoren und gelagert wird. Georgien beruft sich gern auf „8.000 ununterbrochene Jahrgänge“ – die Funde geben dieser Erzählung zumindest eine solide archäologische Grundlage.

Bemerkenswert ist auch, was fehlte: Im übrigen alten Orient war es später weit verbreitet, dem Wein Baumharz zuzusetzen, damit er nicht zu Essig wurde. In den georgischen Krügen fanden die Forscher davon keine Spur. In einem Gefäß aus Gadachrili Gora tauchten neben Traubenstärke und Traubenpollen auch Getreidepollen auf – möglicherweise wurde darin sowohl Wein als auch Bier aufbewahrt.

Tongefäße sind auch im modernen Weinbau wieder ein Thema. Welche Rolle Amphoren heute im Keller spielen und was sie vom Holzfass oder Stahltank unterscheidet, erklärt der Beitrag Amphore und Betonei.

Alte Grabungen, neue Methoden

Interessant ist, dass die beiden georgischen Fundorte keineswegs neu waren. Sie waren bereits in den 1960er-Jahren untersucht worden – mit den damaligen, weniger präzisen Methoden. Erst in den vier Jahren vor der Veröffentlichung wurden sie erneut ausgegraben und mit modernen Verfahren analysiert. Neben der Flüssigchromatographie kamen dabei Infrarotspektroskopie und Gaschromatographie zum Einsatz, deren Ergebnisse übereinstimmten. Die Radiokarbondaten wurden zusätzlich statistisch verfeinert.

Der Fall zeigt, wie sehr die Weingeschichte von der Analytik abhängt. Tonscherben, die Jahrzehnte in Museumsdepots lagen, können plötzlich zu Kronzeugen werden, wenn neue Messmethoden auch kleinste Spuren organischer Stoffe sichtbar machen. Es ist daher gut möglich, dass künftige Funde den Beginn des Weinbaus noch weiter nach hinten verschieben. Die Forscher selbst wiesen darauf hin, dass ältere Schichten in Shulaveris Gora noch nicht ausgegraben sind.

Zur Einordnung passt ein weiterer Befund: Die früheste archäologische Evidenz für Weinbau im Kaukasus reicht laut Decanter rund 8.000 Jahre zurück – deutlich später als die genetisch ermittelte Domestizierung der Rebe. Zwischen der Zähmung der Pflanze und dem ersten nachweisbaren Wein klafft also eine Lücke von mehreren Jahrtausenden, die die Forschung noch nicht füllen kann.

Iran und Armenien: weitere frühe Spuren

Vor der georgischen Studie galt ein Fund aus dem Iran als ältester Nachweis: In Hajji Firuz Tepe im Zagros-Gebirge waren chemische Spuren von Wein gefunden worden, datiert auf etwa 5400 bis 5000 v. Chr. Die georgischen Funde verschoben den Beginn damit um bis zu 1.000 Jahre nach hinten.

Spektakulär ist auch die Höhle Areni-1 in Armenien. Dort wurde 2007 eine regelrechte Kelteranlage entdeckt: eine Presse, Gärgefäße und Traubenkerne, datiert bis zurück auf etwa 4100 v. Chr. Sie gilt als frühes Beispiel einer organisierten Weinerzeugung.

FundortRegionDatierung (ca.)Art des Nachweises
Gadachrili Gora, Shulaveris GoraGeorgien6000–5800 v. Chr.Fruchtsäuren in Tonkrügen
Hajji Firuz TepeIran, Zagros5400–5000 v. Chr.Weinrückstände in Gefäßen
Areni-1Armenienbis ca. 4100 v. Chr.Presse, Gärgefäße, Traubenkerne

Die Zähmung der Weinrebe

Wein setzt eine Rebe voraus, die verlässlich Trauben liefert. Ihr wilder Vorfahre ist die Wildrebe Vitis sylvestris, deren Vorläufer laut der Studie in den vergangenen 400.000 Jahren über Eurasien und Nordafrika verbreitet waren. Wann und wo daraus die Kulturrebe Vitis vinifera wurde, hat 2023 eine große Genstudie in der Fachzeitschrift Science untersucht. Forschende aus 16 Ländern analysierten das Erbgut von 2.448 Rebsorten aus Eurasien und Nordafrika; insgesamt wurden laut den Autoren mehr als 3.000 Rebproben neu sequenziert.

Das Ergebnis überraschte: Die Domestizierung fand etwa vor 11.000 Jahren statt, und zwar gleichzeitig an zwei Orten – im Kaukasus und im Nahen Osten. Die beiden Ausgangspopulationen waren während der letzten Eiszeit voneinander getrennt worden. Damit wäre die Rebe etwa zeitgleich mit dem Beginn des Ackerbaus gezähmt worden. Die Studie widerspricht außerdem der Annahme, dass zuerst Weintrauben und erst später Tafeltrauben kultiviert wurden: Beide entstanden demnach zur gleichen Zeit.

Nicht beide Zentren waren gleich einflussreich. Die Domestizierung im Südkaukasus habe sich nur begrenzt ausgebreitet, erklärte der an der Studie nicht beteiligte Forscher Robin Allaby von der University of Warwick; die nahöstliche Linie habe den frühen Weinbau dominiert. Mit den Menschen wanderte die Kulturrebe nach Europa, Nordafrika und Asien, ihre Ausbreitung folgte dabei weitgehend den Wegen der jungsteinzeitlichen Kulturen nach Europa. Unterwegs wurde sie immer wieder mit wilden Reben gekreuzt, was sie für die Weinbereitung besser geeignet machte. Gezielt ausgewählt wurden Eigenschaften wie wohlschmeckende Beeren und Muskataromen.

Ein Großteil der heutigen Rebsorten geht laut der Studie auf vier alte europäische Sorten und eine kaukasische zurück. Und der Kaukasus hält noch Überraschungen bereit: Viele Proben aus alten Weinbergen in Armenien entpuppten sich als bislang nicht dokumentierte Rebsorten. Mehr über solche regionalen Schätze liest du im Beitrag über autochthone Rebsorten.

Vom Kaukasus in die Welt

Von seinen Ursprüngen breitete sich der Weinbau über Mesopotamien und die Levante nach Ägypten aus und später über das Mittelmeer nach Griechenland und Rom. Schon um 3150 v. Chr. ließ sich ein früher ägyptischer König, wahrscheinlich Scorpion I., Hunderte Weinkrüge ins Grab legen, die nach Analysen aus dem Gebiet des heutigen Palästina stammten und mit Terebinthenharz haltbar gemacht worden waren. Die Geschichte geht weiter im Beitrag Wein im alten Ägypten und bei Wein bei Griechen und Römern.

Typische Missverständnisse

  • „Die Ägypter haben den Wein erfunden.“ – Die ältesten chemischen Nachweise stammen aus dem Kaukasus und dem Iran, Jahrtausende vor den ersten Pharaonen.
  • „Der erste Wein war wie unser heutiger.“ – Über Geschmack, Alkoholgehalt und Herstellung wissen wir wenig. Sicher ist nur, dass Traubenprodukte in großen Tonkrügen gelagert wurden.
  • „Georgien hat nachweislich 8.000 Jahrgänge in Folge.“ – Das ist eine Erzählung des Landes. Belegt sind Funde um 6000 v. Chr., nicht eine ununterbrochene Abfolge.
  • „Alle Reben stammen aus Georgien.“ – Laut Genstudie gab es zwei Domestizierungszentren, und die nahöstliche Linie war für die Verbreitung wichtiger.

Wer mehr über die Weingeschichte erfahren will, findet in unserer Kategorie Weingeschichte weitere Beiträge – vom alten Ägypten bis zur Neuzeit.

Passend dazu bei weinverbot.de

Häufige Fragen

Wo wurde der erste Wein gemacht?

Die ältesten chemischen Nachweise von Traubenwein stammen aus Georgien, aus Tonkrügen von etwa 6000 v. Chr. Weitere frühe Funde gibt es im Iran und in Armenien.

Wie alt ist Wein?

Nach heutigem Stand mindestens rund 8.000 Jahre. Die Domestizierung der Weinrebe begann laut einer Genstudie von 2023 sogar schon vor etwa 11.000 Jahren.

Was sind Qvevri?

Große Tongefäße, die in Georgien in die Erde eingegraben werden und in denen Wein vergoren und gelagert wird. Schon die jungsteinzeitlichen Weinkrüge waren wohl teilweise eingegraben.

Wie weisen Forscher alten Wein nach?

Vor allem über Weinsäure, die sich in den Poren von Tongefäßen erhält. Zusammen mit anderen Fruchtsäuren gilt sie als chemischer Fingerabdruck von Trauben.

Quellen

Wein ist ein Genussmittel. Diese Seite richtet sich ausschließlich an Erwachsene. Bitte genieße verantwortungsvoll.

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