Kurz gesagt: Kloster Eberbach wurde 1136 als Tochter von Clairvaux im Rheingau besiedelt und entwickelte sich zum bedeutendsten Weinbaubetrieb am Rhein. Die Zisterzienser schufen den ummauerten Steinberg, handelten Wein bis Köln und lagerten ihre besten Weine im „Cabinet“. Heute ist Eberbach Sitz der Hessischen Staatsweingüter.
Ein Kloster im Tal des Kisselbachs
Wer von Eltville aus in den Taunus hinauffährt, steht nach wenigen Minuten vor einem der eindrucksvollsten mittelalterlichen Klöster Europas. Das Landesamt für Denkmalpflege Hessen beschreibt Kloster Eberbach als eines der ausgedehntesten und besterhaltenen hochmittelalterlichen Klöster Deutschlands, als Kulturdenkmal von europäischem Rang. Für Weinfreunde ist es mehr als eine Sehenswürdigkeit: Hier schlägt seit fast 900 Jahren ein Herz des Rheingauer Weins.
Die Lage im abgeschiedenen Kisselbachtal zwischen bewaldeten Hügeln entsprach genau den Vorstellungen der Zisterzienser, die Weltabgeschiedenheit suchten – und gleichzeitig ein Wirtschaftsimperium aufbauten. Wie Klöster allgemein zu Weinbauern wurden, erklärt unser Beitrag Klöster und Mönche als Weinbauern im Mittelalter.
Gründung: von Augustinern zu Zisterziensern
Die Geschichte beginnt nicht mit den Zisterziensern. Um 1116 gründete Erzbischof Adalbert I. von Mainz an dieser Stelle ein Stift für Augustiner-Chorherren. 1131 wurde es aufgelöst und kurzzeitig Benediktinern vom Johannisberg übergeben. Am 13. Februar 1136 zog dann die Gründungsgemeinschaft der Zisterzienser ein – dreizehn Mönche aus dem burgundischen Clairvaux, die nach Darstellung des Deutschen Weininstituts Reben mitbrachten.
Eberbach wurde damit die einzige deutsche Tochtergründung von Clairvaux und einer der ersten Zisterzienserkonvente rechts des Rheins. Bernhard von Clairvaux, der berühmte Abt, hatte das Tal 1135 gemeinsam mit Erzbischof Adalbert besucht. Die Klosterkirche entstand in zwei Bauphasen zwischen etwa 1145 und 1186, nach dem Vorbild des burgundischen Mutterklosters.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| um 1116 | Augustiner-Chorherrenstift durch Erzbischof Adalbert I. |
| 1136 | Zisterzienser aus Clairvaux ziehen ein |
| 1163 | Erste Erwähnung des Kölner Stadthofs für den Weinverkauf |
| 1211 | Güterverzeichnis nennt zwölf Grangien und 430 Lagennamen |
| 1730 | Erwähnung des „Cabinet“-Kellers |
| 1803 | Säkularisation, Ende des Klosterlebens |
| seit 1945 | Land Hessen, heute Hessische Staatsweingüter |
Das Weinimperium der Mönche
Eberbach war nicht nur fromm, sondern auch geschäftstüchtig. Laut Landesamt für Denkmalpflege war der Weinhandel die wichtigste Einnahmequelle des Klosters. Der Grundbesitz umfasste zeitweise rund 25.000 Morgen in 205 Ortschaften, vom Westerwald bis Worms und von Boppard bis Hanau. Um 1200 lebten mehr als 200 Mönche und Laienbrüder im Kloster.
Entscheidend für den Handel waren Privilegien: Zwischen Worms und Koblenz war das Kloster nahezu lückenlos vom Rheinzoll befreit, und in Köln besaß es einen eigenen Stadthof als Weinstapelplatz. So beherrschten die Mönche den Weinhandel rheinabwärts. Im Weinberg rodeten sie Wald und Ödland für neue Rebflächen, düngten die Steillagen mit Mist aus der eigenen Viehhaltung und trugen so wesentlich zur Ausdehnung des Rheingauer Weinbaus bei.
Das Rückgrat dieser Wirtschaft bildeten die Grangien, große Wirtschaftshöfe, die von Laienbrüdern bewirtschaftet wurden. Schon das Güterverzeichnis Oculus memoriae von 1211 nennt zwölf davon. In Klosternähe lagen etwa der Neuhof, der Draiser Hof, der Reichartshäuser Hof, der Steinheimer Hof und der Mapper Hof. Zum Einflussbereich gehörte auch eine Lage, die bis heute einen großen Namen hat: Der Erbacher Marcobrunn wird 1390 erstmals als Herkunftsbezeichnung für Wein genannt und war schon damals mit hochwertigen Weinen verbunden.
Auch Pachtverhältnisse waren genau geregelt: Um 1498 hatte Eberbach im Umkreis von Lorch über 400 Weinberge verpachtet, und die Verträge schrieben sechs bis 14 Arbeitsgänge vor. Zusammen mit dem benachbarten Kloster Johannisberg – bekannt durch die Legende vom Spätlese-Reiter – galt Eberbach im Mittelalter als führend in Rebkultur, Rebselektion, Kellerwirtschaft und Weinhandel.
Der Steinberg: ein Weinberg hinter Mauern
Das berühmteste Erbe der Mönche ist der Steinberg, ihr „Lieblingsweinberg“ in unmittelbarer Nähe des Klosters. Er entstand durch Zukauf und Tausch kleiner Parzellen sowie durch Rodung von Wald und Ödland, erreichte Anfang des 13. Jahrhunderts seine heutige Ausdehnung und ist seitdem im Alleinbesitz. Wikivoyage beziffert die Fläche auf rund 30 Hektar.
Umschlossen wird der Steinberg von einer kilometerlangen Mauer aus Bruchsteinen, die nach Angaben des Landesamts für Denkmalpflege 1766 fertiggestellt wurde. Sie macht ihn zu einem echten Clos nach burgundischem Vorbild. Heute steht dort vor allem Riesling – mehr zur Rebsorte in Riesling: Herkunft, Stilrichtungen und typische Aromen.
Bemerkenswert ist auch, wie früh Eberbach Lagennamen als Herkunftsangabe nutzte: 1498 tauchen „steynberg“ und „Eselsfuß“ auf, 1506 dann „Steinberg“ und weitere Namen. Was Lagen heute rechtlich bedeuten, liest du unter Einzellage und Großlage.
Spätburgunder, Cabinet und das Wort „Kabinett“
Die Zisterzienser haben vermutlich die Burgunderreben im Rheingau etabliert. Das Deutsche Weininstitut nennt den aus Burgund mitgebrachten Pinot Noir den ersten erfolgreichen Exportwein des Rheingaus, und 1476 ist der Anbau des „Klebrot“, also Spätburgunder, urkundlich belegt. Heute wächst Spätburgunder am Kloster auf rund 32 Hektar. Mehr dazu in Spätburgunder und Pinot Noir.
Eine besondere Geschichte steckt in der Fraternei, einem Raum aus der Zeit um 1240/50. Seit dem späten 15. Jahrhundert diente sie als Weinkeller, und 1730 taucht in einer Schreinerrechnung erstmals der Name „Cabinet-Keller“ auf. Hier lagerten die Mönche ihre wertvollsten Weine. Auf diesen Begriff wird die spätere Qualitätsbezeichnung „Kabinett“ zurückgeführt – die heutige Prädikatsstufe erklärt Prädikate: Kabinett, Spätlese, Auslese & Co.
Wie sehr das ganze Kloster auf Wein ausgerichtet war, siehst du an den Gebäuden. Der Konversenbau, begonnen vor 1200, beherbergte Klosterkeller, Refektorium und Schlafsaal der Laienbrüder; dieser Schlafsaal gilt als größter romanischer Profanraum Europas. Ein Kelterhaus mit Scheune geht auf das 13. Jahrhundert zurück und wurde 1726 erneuert – heute ist darin ein Hotel. Hinzu kamen ein Leyenkeller, eine Mühle von 1748 und ein Brauhaus aus den 1730er-Jahren. Die gesamte Anlage umgibt eine rund fünf Meter hohe Ringmauer aus dem 12. und 13. Jahrhundert.
Nach den Mönchen: Irrenanstalt, Gefängnis, Staatsweingut
Mit der Säkularisation 1803 endete das Klosterleben. Das Herzogtum Nassau übernahm, die Kirchenausstattung wurde an Pfarreien verteilt oder zerstört, die Bibliothek aufgelöst. Danach erlebte Eberbach eine wechselvolle Nutzung:
- ab 1815/1817: herzoglich nassauische Irrenanstalt (bis 1849)
- bis 1912: Gefängnis
- 1912–1918: Militärgenesungsheim
- ab 1866 preußische, seit 1945 hessische Staatsdomäne
Die Wein-Tradition riss dabei nie ab: Die Gebäude wurden weiter für Wein- und Landwirtschaft genutzt. Heute betreiben die Hessischen Staatsweingüter von Eberbach aus sechs Domänen, fünf im Rheingau und eine an der Hessischen Bergstraße, mit rund 200 Hektar – nach Angaben des Deutschen Weininstituts der größte Weinbaubetrieb Deutschlands. Im Sommer 2008 eröffnete der Steinbergkeller nahe dem Kloster, dessen unterirdische Keller sich auf mehreren Ebenen bis unter den Steinberg erstrecken. Seit 1998 gehört das Kloster selbst einer Stiftung.
Der moderne Steinbergkeller zeigt, wie aus dem Klosterbetrieb ein Weingut des 21. Jahrhunderts geworden ist: Er kann laut Deutschem Weininstitut täglich bis zu 7000 Liter Traubensaft verarbeiten, und seine unterirdischen Keller umfassen 5000 Quadratmeter. Damit verbindet Eberbach heute fast 900 Jahre Tradition mit zeitgemäßer Kellertechnik – vom historischen Cabinet bis zum Edelstahltank.
Eberbach heute besuchen
Das Kloster ist ganzjährig geöffnet, die Außenanlagen sind frei zugänglich. Für Weinfreunde besonders interessant:
- Laienrefektorium mit historischen Weinpressen
- Cabinetkeller in der ehemaligen Fraternei
- Weinproben, Führungen und Weinversteigerungen
- Demonstrationsweinberg am Spitalberg mit historisch belegten Rebsorten, neu gestaltet mit der Universität Geisenheim und dem Verein für Historischen Weinbau im Rheingau
- Klosterkirche als Konzertsaal beim Rheingau Musik Festival im Sommer
Die Dimensionen beeindrucken auch ohne Weinglas: Die schmucklose Basilika ist rund 80 Meter lang, das Mönchsdormitorium misst etwa 72 Meter, das Laiendormitorium rund 83 Meter. Nach dem Musikfestival folgt das Rheingau Literatur Festival. Plane für Kirche, Klausur und Keller mindestens einen halben Tag ein.
Filmfans kennen die Räume übrigens aus „Der Name der Rose“: 1986 wurden hier Innenaufnahmen gedreht. Tipp: Kombiniere den Besuch mit einer Wanderung durch die Weinberge – Tipps für Gespräche mit Winzern findest du in Weinprobe beim Winzer.
Missverständnisse rund um Eberbach
- „Der Name Eberbach kommt von einem Eber.“ – Diese Deutung als „Eberbach“ ist laut Deutschem Weininstitut historisch nicht belegt.
- „Die Mönche tranken den ganzen Wein selbst.“ – Der Großteil ging in den Handel, vor allem rheinabwärts nach Köln.
- „Kabinett bedeutet Spitzenwein.“ – Historisch lagerten im Cabinet die besten Weine; heute ist Kabinett die leichteste Prädikatsstufe.
Wer ein Stück Eberbach nach Hause holen möchte, findet ein Kloster-Eberbach-Geschenkset, und weitere Weine aus Deutschland unter Wein aus Deutschland.
Passend dazu bei weinverbot.de
- Kloster Eberbach Geschenkset – Wein aus dem Kloster
- Riesling – Die Sorte des Steinbergs
- Spätburgunder – Burgundererbe der Mönche
- Wein aus Deutschland – Alle deutschen Weine
Häufige Fragen
Wann wurde Kloster Eberbach gegründet?
1136 zogen Zisterzienser aus Clairvaux ein. Vorher bestand an der Stelle seit etwa 1116 ein Augustiner-Chorherrenstift.
Was ist der Steinberg?
Der Steinberg ist die ummauerte Monopollage des Klosters, rund 30 Hektar groß und vor allem mit Riesling bepflanzt. Er erreichte Anfang des 13. Jahrhunderts seine heutige Ausdehnung.
Was hat Eberbach mit dem Begriff Kabinett zu tun?
Im „Cabinet-Keller“ lagerten die Mönche ihre besten Weine, der Name ist 1730 belegt. Darauf wird die heutige Prädikatsbezeichnung Kabinett zurückgeführt.
Wem gehört Kloster Eberbach heute?
Das Kloster gehört seit 1998 einer Stiftung, der Weinbau wird von den Hessischen Staatsweingütern betrieben, die dort ihren Sitz haben.
Quellen
- Deutsches Weininstitut (Wines of Germany): The Monastery of Eberbach
- KuLaDig / Landesamt für Denkmalpflege Hessen: Weinbau des Klosters Eberbach
- KuLaDig: Zisterzienserkloster Eberbach
- Wikivoyage: Kloster Eberbach
Wein ist ein Genussmittel. Diese Seite richtet sich ausschließlich an Erwachsene. Bitte genieße verantwortungsvoll.
Klöster und Mönche als Weinbauern im Mittelalter
Riesling: Herkunft, Stilrichtungen und typische Aromen
Spätburgunder und Pinot Noir: die launische Diva
Prädikate: Kabinett, Spätlese, Auslese & Co. einfach erklärt
Kloster Eberbach Geschenkset: Spätburgunder und Classic Riesling aus dem Rheingau
Wie die Römer den Wein an Mosel und Rhein brachten
Wein im alten Ägypten
Die Anfänge des Weins: Georgien und der Kaukasus
Wein bei Griechen und Römern: Symposion, Falerner und Harz im Fass
Welcher Wein zu Fisch? Von Forelle bis Zander