Klöster und Mönche als Weinbauern im Mittelalter

Kurz gesagt: Klöster gehörten im Mittelalter zu den größten Weinbergbesitzern Mitteleuropas. Sie brauchten Wein für die Messe und als Grundnahrungsmittel, betrieben aber vor allem einträglichen Handel. Besonders die Zisterzienser prägten Lagen, Rebsorten und Kellerwirtschaft – manches, was man ihnen zuschreibt, ist aber Legende.

Wein nach den Römern: wer übernahm?

Als das Weströmische Reich zerfiel, verschwand der Weinbau nicht. An der Mosel etwa bewirtschafteten romanische Winzer die Rebhänge auch unter fränkischer Herrschaft weiter – mehr dazu in Wie die Römer den Wein an Mosel und Rhein brachten. Doch im Lauf des Mittelalters traten neue Akteure in den Vordergrund: weltliche Grundherren, Bischöfe – und vor allem Klöster.

Das Bild vom Mönch, der den Weinbau rettet, ist dabei verlockend, aber zu einfach. Der Historiker Franz Staab hat darauf hingewiesen, dass Klöster nicht von Anfang an auf Weinbau ausgerichtet waren; sie begannen damit erst nach den seelsorglichen Aufgaben des Frühmittelalters. Die frühesten Belege sind meist Schenkungen: Fürsten und Adlige übertrugen Klöstern Weinberge, und die Klöster bauten darauf auf.

Warum Klöster Wein brauchten

Für Klöster gab es gleich mehrere Gründe, sich um Wein zu kümmern:

  • Liturgie: Für die Messe verlangte das kanonische Recht absolut reinen Messwein. Eigenbau war der sicherste Weg, das zu garantieren.
  • Versorgung: Wein war im Mittelalter in erster Linie ein Grundnahrungsmittel. Im bayerischen Kloster Prüfening erhielten Angestellte täglich zwei bis sechs Maß Wein, die Patres an hohen Festtagen mittags und abends rund 0,8 Liter.
  • Fürsorge: Wein wurde auch in Hospitälern und Heimen ausgegeben – eine historische Praxis jener Zeit.
  • Einnahmen: Vor allem aber war Wein ein Handelsgut, mit dem sich gut verdienen ließ.

Gerade der letzte Punkt wird oft unterschätzt. In Prüfening stammten um 1570 rund 61 Prozent der Gesamteinnahmen aus dem Weinverkauf. Und das Rheingauer Kloster Eberbach nennt das Landesamt für Denkmalpflege Hessen ausdrücklich: Der Weinhandel war seine wichtigste Einnahmequelle. Die religiöse Dimension von Wein beleuchtet unser Beitrag Wein in der Bibel und in Religionen.

Frühe Belege: Schenkungen und Urkunden

Urkunden zeigen, wie früh Kirchen und Klöster Weinberge erhielten. Eine Auswahl aus Bayern und dem Rheingau:

JahrEreignis
um 700Herzog Theodo schenkt der Salzburger Kirche Weinberge an der Donau
741Kloster Niederalteich erhält von Herzog Odilo Weinberge an der Donau
749Schenkungsurkunde an Kloster Lorsch nennt einen Weinberg in Walluf (Rheingau)
817Ludwig der Fromme tauscht mit der Abtei Fulda Güter gegen Weinberge bei Geisenheim
um 1000Die Trierer Abtei St. Maximin hat den größten Weinbergsbesitz an der Mosel

Im 11. Jahrhundert breitete sich der Weinbau in den alten Siedlungslandschaften weiter aus, im 12. Jahrhundert verstärkt durch Bevölkerungswachstum und eine Welle von Klostergründungen. An der Mosel dehnte er sich im 11. und 12. Jahrhundert auch in die flachen Flusstäler aus.

Wie so ein Klosterweinbau konkret aussah, zeigt das Beispiel Prüfening bei Regensburg, 1109 von Bischof Otto I. von Bamberg gegründet. 1283 verkaufte das Kloster seine Güter in der Wachau und baute stattdessen Matting und Oberndorf an der Donau zu Winzerdörfern aus. In Matting stieg die Zahl der Anwesen bis 1380 von sechs auf 30. Die Winzer lieferten zwischen einem Drittel und einem Sechstel der Ernte ab, im Schnitt kamen so 522 Eimer, umgerechnet rund 312 Hektoliter, pro Jahr zusammen. Verkauft wurde meist Most direkt nach der Kelterung – an andere Klöster wie Scheyern, Ebersberg und Andechs, an Wirte, Bürger und herzogliche Beamte. Der sogenannte Baierwein ging vor allem nach Süden bis nach Oberbayern.

Die Zisterzienser: Weinbau als System

Kein Orden ist so eng mit Wein verbunden wie die Zisterzienser. Ihr Erfolgsrezept war eine straffe Eigenwirtschaft: Laienbrüder, die sogenannten Konversen, bewirtschafteten große Wirtschaftshöfe, die Grangien. Die fränkische Abtei Ebrach, 1127 gegründet und erste Zisterze östlich des Rheins, besaß schon 1136 sechs Grangien. Ab dem 13. Jahrhundert ließen die Zisterzienser dann auch Verpachtung, Zehnt und Zinseinkünfte zu.

Die Dimensionen waren beachtlich. Für Ebrach werden im 14. Jahrhundert je nach Berechnung zwischen 490 und 1200 Hektar Reben angegeben. Zum Vergleich: Mitte des 16. Jahrhunderts wurde in ganz Franken auf etwa 40.000 Hektar Wein angebaut, heute sind es rund 6000 Hektar.

Das bekannteste Beispiel ist Kloster Eberbach im Rheingau. Es rodete Flächen für neue Weinberge, düngte Steillagen mit Mist aus der eigenen Viehhaltung, genoss am Rhein zwischen Worms und Koblenz nahezu lückenlose Zollfreiheit und unterhielt in Köln einen eigenen Hof für den Weinverkauf, der 1163 erstmals erwähnt wird. Zusammen mit dem Kloster Johannisberg war Eberbach im Mittelalter führend in Rebkultur, Rebselektion, Kellerwirtschaft und Weinhandel.

Wie viele Hände dafür nötig waren, zeigt Eberbach: Um 1200 lebten dort mehr als 200 Mönche und Laienbrüder, um 1500 noch etwa 100 Ordensmitglieder. Der Grundbesitz umfasste zeitweise rund 25.000 Morgen, verteilt auf 205 Ortschaften.

Lagen, Rebsorten, Ordnungen: das Erbe der Mönche

Was Klöster dem heutigen Weinbau hinterlassen haben, ist vor allem Struktur. Drei Beispiele:

  • Lagennamen: Eberbachs Güterverzeichnis von 1211 nennt bereits 430 Lagennamen. Um 1500 erscheinen „Steinberg“ und weitere Namen als Herkunftsangabe für Wein – ungewöhnlich früh. Was eine Lage heute rechtlich ist, erklärt Einzellage und Großlage.
  • Rebsorten: Die Zisterzienser haben vermutlich die Burgunderreben im Rheingau etabliert; 1476 ist dort der Anbau des „Klebrot“, also Spätburgunder, belegt. Mehr zur Sorte in Spätburgunder und Pinot Noir.
  • Ordnungen: In Prüfening enthielt die Dorfordnung von 1347 elf von 21 Artikeln zum Weinbau. Bergmeister meldeten die Traubenreife, erst dann durfte gelesen werden, gepresst wurde in der Klosterkelter.

Pachtverträge regelten die Arbeit im Detail: Eberbach hatte um 1498 im Umkreis von Lorch über 400 Weinberge verpachtet, die Verträge schrieben sechs bis 14 Arbeitsgänge vor. Und die Prüfeninger Weinregister, ab 1447 jährlich erhalten, zeigen, wie stark die Ernten schwankten: 1516 ein Rekord von 784 Hektolitern, ein Jahr später nur 28.

Der Silvaner und das Kloster Ebrach

Eine schöne Episode verbindet ein Kloster mit einer heutigen Leitsorte. Im Würzburger Stein fand man 1965 eine Inschrift des Ebracher Abts Alberich Degen, die den Silvaner („Oestareiche Rebe“) und das Jahr 1665 nennt. Sie liegt heute im Keller des Bürgerspitals. Der Historiker Seeliger hält die Schriftform allerdings eher für spätes 18. Jahrhundert und das Datum für falsch; den Silvaner hat Degen wahrscheinlich zwischen 1654 und 1658 gepflanzt.

Der älteste aktenmäßige Nachweis stammt aus einer weltlichen Herrschaft: 1659 bezog Castell 25 „Österreicher“-Setzlinge aus Obereisenheim. Die oft erzählte Herkunft aus dem steirischen Stift Rein gilt als widerlegt. Mehr zur Sorte erfährst du in Silvaner: Frankens Leitrebsorte, und wer den Stein im Glas probieren will, findet einen Würzburger Stein Silvaner vom Bürgerspital.

Niedergang und Säkularisation

Die große Zeit des Klosterweins endete schrittweise. Kleine Eiszeit und Dreißigjähriger Krieg ließen die Rebflächen schrumpfen; am Steigerwaldrand blieb nur etwa ein Viertel der Vorkriegsfläche. In Bayern verschob sich der Geschmack ab dem späten 16. Jahrhundert zum Bier, und viele Klöster gründeten vor allem im 17. Jahrhundert eigene Brauereien.

Den Schlusspunkt setzte die Säkularisation 1802/1803. An der Mosel wurde kirchlicher Besitz verkauft und in kleine Lose aufgeteilt, Eberbach kam an Nassau, Ebrachs Weinberge wurden überwiegend verkauft. Ebrachs Flächen im Würzburger Pfaffenberg gehören heute Bürgerspital, Juliusspital und Weingut Reiss; Eberbach ist Sitz der Hessischen Staatsweingüter.

Interessant: Bei Ebrachs Auflösung machte der Eigenbau nur 0,8 Prozent der Einkünfte aus – die Abtei lebte am Ende vor allem von Grundrenten und Zehnten, nicht vom eigenen Wein.

Mythen und Missverständnisse

  • „Mönche haben den Weinbau in Deutschland erfunden.“ – Nein, er existierte schon in römischer Zeit; Klöster haben ihn ausgebaut und organisiert.
  • „Karl der Große ließ die Straußwirtschaft einführen.“ – Die Deutung beruht laut Gesellschaft für Geschichte des Weines auf einer Fehllesung von Kapitel XXII des Capitulare de villis. Auch die Geschichte vom Rüdesheimer Berg ist Legende.
  • „Klosterwein war nur Messwein.“ – Der Messwein war wichtig, der Großteil diente aber Versorgung und Handel.

Das Capitulare de villis selbst, vermutlich um 795 erlassen, regelte die Bewirtschaftung der königlichen Güter und beschreibt auch den Anbau von Reben – konkrete Kelter- oder Hygienevorschriften lassen sich daraus aber nicht so einfach ableiten, wie es manche Weinführer erzählen.

Wenn du heute einen Wein von einem früheren Klosterweingut im Glas hast, trinkst du also ein Stück Wirtschaftsgeschichte. Eine Auswahl aus Franken findest du unter Wein aus Franken.

Passend dazu bei weinverbot.de

Häufige Fragen

Warum betrieben Klöster Weinbau?

Sie brauchten reinen Messwein für die Liturgie und Wein als Grundnahrungsmittel. Vor allem aber war Wein ein wichtiges Handelsgut und eine bedeutende Einnahmequelle.

Welcher Orden war im Weinbau besonders wichtig?

Die Zisterzienser, etwa in Eberbach (Rheingau) und Ebrach (Franken). Sie arbeiteten mit Laienbrüdern und großen Wirtschaftshöfen, den Grangien.

Wann endete der Klosterweinbau?

In Deutschland vor allem mit der Säkularisation 1802/1803. Die Weinberge wurden verkauft oder gingen an den Staat.

Hat Karl der Große die Straußwirtschaft eingeführt?

Das ist nicht belegt. Die Behauptung beruht auf einer umstrittenen Deutung eines Kapitels im Capitulare de villis.

Quellen

Wein ist ein Genussmittel. Diese Seite richtet sich ausschließlich an Erwachsene. Bitte genieße verantwortungsvoll.

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