Kurz gesagt: Profis verkosten Wein immer in derselben Reihenfolge: Aussehen, Schwenken, Nase, Gaumen und am Ende ein Urteil. Entscheidend ist nicht ein besonderes Talent, sondern ein fester Ablauf und ein gemeinsames Vokabular. Beides kannst du mit wenigen Hilfsmitteln zu Hause üben.
Warum ein fester Ablauf hilft
Wer Wein „einfach trinkt“, merkt sich meist nur: schmeckt oder schmeckt nicht. Das ist völlig legitim – Bernhard Wolff, Leiter des BASF-Weinkellers in Ludwigshafen, sagt im Gespräch mit der RHEINPFALZ sinngemäß, es gebe kein Richtig oder Falsch, nur „schmeckt mir“ oder „schmeckt mir nicht“, idealerweise mit einer Begründung. Genau um diese Begründung geht es beim professionellen Verkosten.
Weinschulen wie der Wine & Spirit Education Trust (WSET) arbeiten deshalb mit einem systematischen Raster, dem „Systematic Approach to Tasting“. Es gliedert jede Verkostung in Aussehen, Nase, Gaumen und Schlussfolgerung und gibt für jede Eigenschaft feste Stufen vor. Der Vorteil: Du vergisst nichts, und deine Notizen bleiben über Jahre vergleichbar. Solche Raster lernst du in Weinkursen, sie funktionieren aber genauso gut am Küchentisch.
Die bekannte Faustregel aus der Pfalz bringt es auf vier Wörter: „Sehen, schwenken, schnüffeln, schlucken!“ Wir ergänzen einen fünften Schritt, den viele vergessen: das Urteil.
Vorbereitung: Glas, Licht, Temperatur
Bevor du loslegst, sorge für faire Bedingungen. Die wichtigsten Punkte:
- Gläser: bauchig mit nach oben schmaler werdender Öffnung, für alle Weine dieselbe Form. In einem engen Kelch sammeln sich die Duftstoffe, in einem Becherglas verfliegen sie.
- Licht und Hintergrund: ein heller Raum und eine weiße Unterlage, etwa ein Blatt Papier oder eine weiße Tischdecke.
- Geruchsneutralität: Raum lüften, kein Parfum, keine Duftkerzen.
- Temperatur: Weißwein und Rosé laut RHEINPFALZ-Interview etwa 6 bis 12 °C, Schaumwein 6 bis 8 °C, Rotwein 16 bis 18 °C. Zu kalt wirken Aromen gedämpft, zu warm tritt der Alkohol hervor.
- Wasser und Brot: stilles Wasser und neutrales Baguette zum Neutralisieren zwischen den Weinen, dazu ein Gefäß zum Ausgießen oder Spucken.
Schenke nur wenig ein – ein kleiner Schluck reicht, um alles zu prüfen, und lässt Platz zum Schwenken.
Schritt 1: Sehen
Halte das Glas schräg gegen den weißen Hintergrund. Das WSET-Raster fragt drei Dinge ab:
| Merkmal | Stufen | Was es verrät |
|---|---|---|
| Klarheit | klar – trüb | Trübung kann auf einen Fehler hinweisen (oder auf einen unfiltrierten Stil) |
| Intensität | blass – mittel – tief | Farbtiefe hängt von Rebsorte, Ausbau und Alter ab |
| Farbe | Weiß: zitronengrün bis braun; Rot: purpur bis braun | Junge Weine wirken frischer im Ton, gereifte eher bernstein- oder ziegelfarben |
Zusätzlich kannst du Tränen am Glas, Depot oder Kohlensäurebläschen notieren. Ein praktischer Trick: Achte auf den Rand der Flüssigkeit, wo das Glas sich neigt. Dort siehst du Farbnuancen besonders gut, etwa ein grünliches Schimmern bei jungen Weißweinen oder einen orangefarbenen Rand bei gereiften Rotweinen. Notiere, was du siehst, ohne schon zu urteilen – der Schritt dient vor allem dazu, Erwartungen an Nase und Gaumen aufzubauen.
Schritt 2 und 3: Schwenken und Riechen
Schwenke das Glas einige Male, damit Duftstoffe freigesetzt werden, und rieche dann mit kurzen Zügen. Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut erinnert daran, warum dieser Schritt so wichtig ist: Ein großer Teil dessen, was wir als Geschmack wahrnehmen, ist eigentlich Geruch. Ausnahme Schaumwein: Hier raten die Champagner-Botschafter der Hotelfachschule EHL ausdrücklich, nicht zu schwenken, weil sonst zu viel Kohlensäure entweicht.
Beurteile zuerst den Zustand: Riecht der Wein sauber oder „unsauber“, etwa muffig nach Kork oder stechend nach Essig? Dann kommen Intensität (von leicht bis ausgeprägt) und Aromen. Das WSET-Raster ordnet Aromen in drei Gruppen:
- Primäraromen aus Traube und alkoholischer Gärung, etwa Zitrus, Apfel, Kirsche, Blüten, Pfeffer
- Sekundäraromen aus der Kellerarbeit, etwa Brioche vom Hefelager, Butter aus dem biologischen Säureabbau, Vanille vom Holz
- Tertiäraromen aus der Reifung, etwa getrocknete Früchte, Honig, Leder, Waldboden
Ausführlich erklären wir das in Primär-, Sekundär- und Tertiäraromen. Wenn dir die Worte fehlen, hilft das Aromarad – es führt dich von „fruchtig“ über „Beeren“ bis zur Johannisbeere. Und wenn etwas ganz und gar nicht stimmt, lohnt ein Blick auf Weinfehler erkennen.
Schritt 4: Schmecken
Nimm einen kleinen Schluck und verteile ihn im ganzen Mund. Viele Profis ziehen dabei etwas Luft durch die Lippen ein, damit die Aromen über den Rachen in die Nase steigen. Jetzt prüfst du die Struktur – das Gerüst des Weins:
| Merkmal | Skala (WSET) | Woran du es merkst |
|---|---|---|
| Süße | trocken – lieblich – sehr süß | Zungenspitze |
| Säure | niedrig – hoch | Speichelfluss, Frische |
| Tannin | niedrig – hoch | trockenes, pelziges Gefühl an Zahnfleisch und Zähnen |
| Alkohol | niedrig – mittel – hoch | Wärme im Rachen |
| Körper | leicht – voll | Gewicht und Fülle im Mund |
| Abgang | kurz – lang | wie lange der Geschmack nachklingt |
Körper und Abgang sind die beiden Begriffe, die Einsteiger am häufigsten verwirren. Wir haben ihnen eigene Beiträge gewidmet: Körper im Wein und Abgang: was ein langer Nachhall bedeutet.
Bei mehreren Weinen gilt: Du musst nicht schlucken. Profis spucken aus, um auch beim zehnten Wein noch klar urteilen zu können – warum das keine Unhöflichkeit ist, erklärt Spucken bei der Weinprobe.
Schritt 5: Urteilen
Jetzt fügst du alles zusammen. Das WSET-Raster fragt nach Qualität und Trinkreife. Für die Qualität nutzen viele Profis vier Kriterien, oft mit der englischen Abkürzung BLIC zusammengefasst: Balance (passen Säure, Süße, Alkohol, Tannin und Frucht zusammen?), Länge (Abgang), Intensität (Ausdruck in Nase und Mund) und Komplexität (wie viele verschiedene Aromen?). Die Skala reicht von fehlerhaft über akzeptabel und gut bis herausragend.
Bei der Trinkreife unterscheidet das Raster grob: jetzt trinken, noch zu jung, lagerfähig oder schon zu alt. So wird aus einem Schluck eine Einschätzung, mit der du später etwas anfangen kannst – etwa, wann du die übrigen Flaschen öffnen solltest.
Ein Beispiel, wie so ein Urteil aussehen kann: „Junger Riesling, klar und blass zitronengelb, saubere Nase mit mittlerer Intensität, Zitrus und grüner Apfel, trocken, hohe Säure, leichter Körper, mittlerer Abgang. Ausgewogen, gute Qualität, jetzt trinken oder noch ein, zwei Jahre lagern.“ Solche Notizen klingen anfangs steif, werden mit der Zeit aber zu deinem persönlichen Gedächtnis – und helfen dir, beim nächsten Weinkauf gezielter auszuwählen.
Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
- Zu volles Glas: Du kannst nicht schwenken. Lieber nur ein bis zwei Fingerbreit einschenken.
- Zu kalter Rotwein, zu warmer Weißwein: beides verfälscht Aromen und Struktur.
- Vom Etikett beeinflussen lassen: Verkoste ab und zu blind, mit verhüllten und nummerierten Flaschen.
- Nur „lecker“ notieren: Schreibe Beobachtungen auf, nicht nur Urteile. Statt „lecker“ lieber „Zitrus, viel Säure, mittlerer Körper, kurzer Abgang“.
- Starke Gerüche im Raum: Kaffee, Parfum oder Kochdunst überlagern feine Aromen.
Das Wichtigste zum Schluss: Übung schlägt Talent. Wer zwei, drei Weine direkt nebeneinander probiert, lernt schneller als mit jeder Theorie. Ideal dafür sind Wein-Probierpakete mit mehreren Flaschen eines Themas – und natürlich ein Abend mit Freunden, wie in Weinprobe zu Hause organisieren beschrieben.
Passend dazu bei weinverbot.de
- Weingläser – Das richtige Werkzeug
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- Mini-Tasting-Set – Kleine Flaschen zum Üben
- Wein-Verkostung – Alle Beiträge zum Thema
Häufige Fragen
Was sind die fünf Schritte beim Weinverkosten?
Sehen, Schwenken, Riechen, Schmecken und Urteilen. Profis gehen immer in dieser Reihenfolge vor, damit sie nichts übersehen.
Warum schwenkt man Wein im Glas?
Durch das Schwenken werden Duftstoffe freigesetzt, die Nase nimmt mehr wahr. Bei Schaumwein verzichtet man besser darauf, weil sonst die Kohlensäure entweicht.
Muss man bei einer Weinprobe schlucken?
Nein. Profis spucken bei vielen Weinen aus, um konzentriert zu bleiben. Struktur und Aromen nimmst du auch so vollständig wahr.
Was bedeutet BLIC?
BLIC steht für Balance, Länge, Intensität und Komplexität – vier Kriterien, mit denen Profis die Qualität eines Weins einschätzen.
Quellen
- WSET Level 3 Award in Wines: Systematic Approach to Tasting Wine
- RHEINPFALZ: So gelingt die perfekte Weinprobe zu Hause
- Mallorca Magazin: So gelingt die Weinprobe zu Hause (mit Ernst Büscher, DWI)
- EHL Insights: Geschmacksentfaltung beim Wein-Degustieren
Wein ist ein Genussmittel. Diese Seite richtet sich ausschließlich an Erwachsene. Bitte genieße verantwortungsvoll.
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