Wein bei Griechen und Römern: Symposion, Falerner und Harz im Fass

Kurz gesagt: Griechen und Römer machten Wein zum Kulturgut: Die Griechen tranken ihn verdünnt aus dem Krater beim Symposion, die Römer professionalisierten Anbau, Kelterung und Handel. Antiker Wein war oft mit Harz, eingekochtem Most oder Meerwasser behandelt und schmeckte deutlich anders als heutiger.

Warum die Antike für Wein so wichtig ist

Wein ist älter als Griechen und Römer – die Spuren reichen bis in den Kaukasus zurück, wie du in unserem Beitrag über die Anfänge des Weins nachlesen kannst, und auch im alten Ägypten war er ein Luxusgut. Doch erst die griechische und römische Welt hat Wein zu einem festen Bestandteil von Alltag, Religion, Handel und Literatur gemacht. Vieles, was wir heute selbstverständlich finden – Weinberge in Reih und Glied, Pressen, Fässer, Herkunftsnamen mit Prestige –, hat hier seine Wurzeln.

Das Archäologische Museum der Universität Münster fasst die Rolle des Weins in der Antike so zusammen: Er war Getränk, Medizin, Opfergabe und Symbol für Reichtum und Status zugleich. Die medizinische Verwendung gehört dabei ausdrücklich in die Geschichtsbücher – sie sagt etwas über das damalige Weltbild, nicht über heutige Empfehlungen.

Unsere Kenntnisse stammen aus drei Quellen: antiken Fachschriften über Landwirtschaft, bildlichen Darstellungen auf Vasen und Reliefs sowie archäologischen Funden, die heute zum Teil experimentell nachgestellt werden.

Griechenland: vom minoischen Kreta bis zum „weinfarbenen Meer“

Die großflächige Weinerzeugung im griechischen Raum wird häufig auf Kreta zurückgeführt. Darstellungen von Weinpressen in minoischen Grabmalereien werden auf etwa 3000 v. Chr. datiert, und im Palast von Knossos fand man Becher und Karaffen aus Ton. Von Kreta aus soll sich das Handwerk auf das griechische Festland verbreitet haben.

Griechischer Wein wurde über Jahrhunderte in der ganzen damals bekannten Welt gehandelt. Besonders gefragt waren Weine aus Kreta, Rhodos und Lesbos. Homer beschreibt Weinkeller bei Troja und nennt die Ägäis das „weinfarbene Meer“ – ein Bild, das man gern mit dem regen Seehandel verbindet.

Ein Detail, das bis heute nachwirkt: Gefäße wurden mit Pinienharz abgedichtet, um den Wein vor dem Verderben zu schützen. Das Harz gab ihm zugleich ein Kiefernaroma, das im modernen griechischen Retsina weiterlebt. Eine Anekdote behauptet, die Griechen hätten ihren Wein absichtlich harzig gemacht, um römische Plünderer abzuschrecken – das ist eine hübsche, aber unbelegte Hypothese.

Das Symposion: Trinken nach Regeln

Das Symposion war ein förmliches Gastmahl, bei dem es weniger ums Essen als um Gespräch, Dichtung und Rhetorik ging. Die Gäste lagen auf Liegen und wetteiferten mit Witz und Wortgewandtheit. Laut Universität Münster war der Ablauf streng festgelegt: Teilnehmen durften nur Männer, ein Opfer an die Götter war Pflicht, und auch Tempo und Art des Trinkens waren geregelt.

Im Mittelpunkt stand der Krater, ein bauchiges Mischgefäß aus Ton oder Bronze mit weiter Öffnung, oft prächtig bemalt. Die ältesten der zahlreichen erhaltenen Funde stammen aus dem 10. Jahrhundert v. Chr. Darin wurde der Wein mit Wasser gemischt – unverdünnt zu trinken galt als unkultiviert. Die Griechen grenzten sich damit bewusst von „Barbaren“ ab, die Bier oder Wein „falsch“ tranken.

So lief der Weg vom Krater ins Glas – genauer: in den Becher:

  • Krater: großes Mischgefäß für Wein und Wasser, stand neben den liegenden Gästen
  • Oinochoe: Kanne, mit der aus dem Krater geschöpft wurde
  • Kantharos und andere Trinkschalen: handliche Gefäße für den einzelnen Gast

Philosophen wie Platon sahen im geregelten Gelage eine Übung in Selbstbeherrschung und stellten eigene Regeln dafür auf. Das Mischen mit Wasser hatte übrigens auch einen praktischen Grund: Wasser war oft verunreinigt und wurde durch den Wein trinkbarer. Feste Mischungsverhältnisse lassen sich aus den hier genutzten Quellen nicht ableiten – Angaben wie „ein Teil Wein, drei Teile Wasser“ findest du zwar oft, belegt haben wir sie nicht.

Rom: Wein wird zur Landwirtschaft im großen Stil

Die Römer haben Weinbau systematisiert. Fachautoren wie Cato, Varro, Columella, Plinius der Ältere und Palladius beschrieben Erziehungsformen, Pflanzabstände, Lesezeitpunkte und Kellertechnik. Reben wuchsen am Boden, an Hecken, Pfählen, Gerüsten, Pergolen oder an Bäumen hochgezogen; Columella empfahl die Bodenerziehung in windigen Gegenden. Gepflanzt wurde in Reihen oder im quincunx – im Muster der fünf Augen auf einem Würfel.

Catos Mustergut umfasste 25 Hektar und brauchte 16 Arbeitskräfte. Gelesen wurde im September oder Oktober; Plinius riet, die trockene Hitze abklingen und den Morgentau abtrocknen zu lassen. Wie zentral Wein für die Versorgung war, zeigt eine nüchterne Planzahl: Cato rechnete mit 260 Litern Wein pro Jahr für jeden einfachen Sklaven – Wein war schlicht Grundnahrungsmittel.

Auch die Technik entwickelte sich: Zuerst wurden die Trauben in gemauerten Becken mit den Füßen getreten, dann gepresst. Cato beschreibt Baumpressen mit langem Hebelbalken, Plinius zufolge kamen etwa ab den 20er-Jahren v. Chr. Spindelpressen auf. Vergoren wurde spontan mit den Hefen, die auf den Trauben sitzen – ein Prinzip, das heute als Spontangärung wieder in Mode ist.

Falerner und Ligurer: die Hierarchie im Becher

Wein spiegelte in Rom die soziale Ordnung. Beim Gastmahl wurde nach Rang ausgeschenkt: Wichtige Gäste nahe dem Gastgeber bekamen den hoch angesehenen Falerner, weiter unten am Tisch gab es mittlere Qualitäten, etwa ligurischen Wein, dem man Bitterkeit nachsagte. In Tavernen wurde Wein im Krug ausgeschenkt – allein im ausgegrabenen Teil von Pompeji fand man mehr als hundert solcher Lokale. Einfacher Wein kostete dort ein As, Falerner das Vierfache.

Spitzenweine reiften extrem lange in versiegelten Gefäßen: Für Falerner sind bis zu 20 Jahre überliefert, für Wein aus Sorrent bis zu 25 Jahre. Gereifte Weine wurden verschnitten, und es gab Tricks, die eine Reife beschleunigen oder einen gealterten Geschmack imitieren sollten – Weinfälschung ist also keine moderne Erfindung.

Gelagert und transportiert wurde zunächst in Amphoren, deren Innenwände mit Pech ausgekleidet waren. Aus Gallien verbreitete sich dann das Holzfass, das leichter war und mehr fasste. Vom lateinischen cupa leitet sich das deutsche Wort „Küfer“ ab. Wer sich für moderne Nachfahren der Tongefäße interessiert, findet sie im Beitrag über Amphore und Betonei.

Harz, Honig, Meerwasser: Was im römischen Wein steckte

Römischer Wein war selten „pur“. Eingekochter Most diente zum Süßen und Stabilisieren: sapa wurde auf etwa ein Drittel, defrutum auf etwa die Hälfte reduziert, manchmal mit Kräutern, Quitte oder Iris aromatisiert. Columella nennt sogar Dosierungen je nach Weinqualität.

ZusatzZweck laut Überlieferung
Defrutum, Sapa (eingekochter Most)Süßen, Stabilisieren
Harz, PechKonservieren, Abdichten der Amphoren
Meerwasser, Salz, GipsHaltbarkeit und Korrektur
Kalk, AscheSäure senken
TonKlären

Plinius listete insgesamt 66 Zusätze auf, darunter Bockshornklee, Iris und Enzian. Viele dieser Weine wurden damals auch als Arznei verwendet – eine historische Praxis, keine Empfehlung.

Wie schmeckte antiker Wein? Ein Experiment gibt Hinweise

Das Forscherteam Brun, Durand und Tchernia hat im südfranzösischen Gard einen römischen Keller samt Baumpresse aus Eiche nachgebaut – mit gut 7,5 Meter langem Pressbalken und elf in den Boden eingelassenen Gärgefäßen zu je 50 Hektolitern. Seit 1995 entsteht dort jedes Jahr Wein nach antiken Vorgaben, unter anderem mit Columellas Zusätzen.

Das Ergebnis beschreibt Spektrum der Wissenschaft als Stil, der an Sherry aus Jerez und an die gelben Weine des Jura erinnert: Noten von Trockenfrüchten und Nüssen, dazu ein harziger, Retsina-ähnlicher Zug. Die Autoren vermuten, dass heutige Gaumen das nicht unbedingt mögen würden. Wenn du dich dem antiken Geschmack annähern willst, sind oxidativ ausgebaute Weine, Retsina oder Weine aus getrockneten Trauben – mehr dazu bei Strohwein und Appassimento – die naheliegendsten Brücken.

Was von Griechen und Römern bleibt

Mit der Eroberung Galliens breiteten sich Weinberge über weite Teile des Mittelmeerraums und nach Norden aus. Südfranzösische Güter erzeugten bald genug Überschuss, um selbst Rom zu beliefern. Wie die Reben schließlich an Mosel und Rhein kamen, erzählt unser Beitrag Wie die Römer den Wein an Mosel und Rhein brachten. Nach dem Ende des Weströmischen Reichs übernahmen vielerorts Klöster und Mönche die Pflege des Weinbaus.

Typische Missverständnisse zum Schluss:

  • „Die Römer tranken Wein wie wir.“ – Eher nicht: verdünnt, gewürzt, oft gesüßt und harzig.
  • „Antiker Wein war besonders stark.“ – Dafür liefern die hier genutzten Quellen keinen Beleg; fest steht nur, dass er meist mit Wasser gemischt wurde.
  • „Das Weinfass ist eine mittelalterliche Erfindung.“ – Fässer waren schon in römischer Zeit verbreitet, Reste fand man etwa in Militärlagern an Rhein und Donau.

Wer heute eine Flasche aus Italien öffnet, trinkt also ein Stück dieser langen Geschichte mit – nur deutlich klarer, frischer und ohne Pech im Glas. Eine Auswahl findest du in unserer Kategorie Wein aus Italien.

Passend dazu bei weinverbot.de

Häufige Fragen

Warum mischten die Griechen Wein mit Wasser?

Unverdünnter Wein galt als unkultiviert, beim Symposion war das Mischen im Krater fester Bestandteil des geregelten Trinkens. Zudem wurde oft verunreinigtes Wasser durch den Wein trinkbarer.

Was war Falerner?

Falerner war einer der angesehensten Weine des antiken Italiens. Er wurde beim Gastmahl den ranghöchsten Gästen serviert und konnte bis zu 20 Jahre reifen.

Was ist Defrutum?

Defrutum ist auf etwa die Hälfte eingekochter Traubenmost. Die Römer nutzten ihn zum Süßen und Stabilisieren von Wein.

Woher kommt das Harzaroma im Retsina?

Schon in der Antike wurden Gefäße mit Pinienharz abgedichtet, was dem Wein ein Kiefernaroma gab. Retsina führt diesen Geschmack bis heute weiter.

Quellen

Wein ist ein Genussmittel. Diese Seite richtet sich ausschließlich an Erwachsene. Bitte genieße verantwortungsvoll.

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