Wein im alten Ägypten

Kurz gesagt: Im alten Ägypten war Wein ein Luxusgetränk der Könige und der Oberschicht. Schon um 3150 v. Chr. wurden einem frühen König Hunderte Krüge mit importiertem Wein ins Grab gelegt. Spätere Weinkrüge trugen Angaben zu Jahrgang, Herkunft und Winzer – und chemische Analysen zeigen, dass Tutanchamun Rotwein mit ins Jenseits bekam.

Wein am Nil: ein Getränk der Eliten

Wenn vom alten Ägypten die Rede ist, denken die meisten an Pyramiden, Pharaonen und Mumien. Dass Wein in dieser Kultur eine wichtige Rolle spielte, ist weniger bekannt. Dabei gehört Ägypten zu den Regionen, aus denen besonders aufschlussreiche Zeugnisse der frühen Weinkultur stammen: Grabbeigaben, beschriftete Krüge und Darstellungen der Weinbereitung auf Grabwänden.

Erfunden haben die Ägypter den Wein allerdings nicht. Die ältesten chemischen Nachweise stammen aus dem Kaukasus und dem Iran und sind Jahrtausende älter – mehr dazu im Beitrag Die Anfänge des Weins. Ägypten übernahm den Wein zunächst als Importware und baute später eigene Reben an.

Eines zieht sich durch alle Quellen: Wein war am Nil ein Luxusgut. Könige und Oberschicht tranken ihn regelmäßig, das einfache Volk dagegen nur zu Festen und besonderen Anlässen. Wein wurde den Göttern bei Zeremonien geopfert, und Könige wurden mit Weinkrügen bestattet – so wie mit Speisen, die sie auch im Leben genossen hatten.

Der Wein des Skorpion-Königs

Der früheste Weinfund Ägyptens stammt aus dem Grab eines frühen Königs in Abydos am mittleren Nil. Das Grab, in der Forschung als U-j bezeichnet, wurde 1988 ausgegraben. Sein Besitzer lebte um 3150 v. Chr. und hieß wahrscheinlich Scorpion I.. Er gehört damit zu den frühesten Herrschern, die in Ägypten fassbar sind.

Im Grab fanden die Archäologen Hunderte Krüge. Chemische Tests zeigten, dass sie Wein enthalten hatten. Dazu kamen erhaltene Trauben, Kerne, Schalen und getrocknetes Fruchtfleisch; in 47 Krügen lagen Traubenkerne, die denen der kultivierten Weinrebe ähneln. Die Untersuchungen leitete Patrick McGovern vom Museum der University of Pennsylvania, derselbe Forscher, der später auch die frühesten Weinfunde aus Georgien analysierte.

BefundWas er verrät
Weinsäure im Infrarotspektrumdie Krüge enthielten ein Traubenprodukt
Spuren von Terebinthenharzdas Harz sollte den Wein vor dem Umschlagen zu Essig schützen
Form der Krügepasst am besten zu Gefäßen aus dem Gebiet des heutigen Palästina
Tonanalyse von 11 Krügender Ton stammt aus derselben Region Palästinas
Verschlüsse aus Nilschlammdie Krüge wurden in Ägypten endgültig versiegelt

Der König ließ sich also importierten Wein ins Grab stellen. Für die Herkunft des Tons nutzten die Forscher die Neutronenaktivierungsanalyse, ein Verfahren, das die chemische Zusammensetzung von Keramik wie einen Fingerabdruck bestimmt. Eine Darstellung von NBC News nennt als Herkunft das heutige Jordanien und beschreibt einen Transport über rund 500 Meilen per Esel und Boot. Die Details unterscheiden sich je nach Quelle, die Grundaussage nicht: Der Wein kam aus der südlichen Levante und wurde mit großem Aufwand an den Nil gebracht.

Ein kleines Detail verrät viel über die Logistik: Die Verschlüsse der Krüge bestanden aus Nilschlamm. Die Gefäße wurden also erst in Ägypten endgültig verschlossen und versiegelt, bevor sie ins Grab kamen. Ob der Wein unterwegs umgefüllt, nachgefüllt oder nur neu verschlossen wurde, lässt sich nicht sagen. Klar ist aber: Wein war schon um 3150 v. Chr. eine Handelsware, die über weite Strecken transportiert wurde – und ein Statussymbol, das sich nur ein Herrscher in dieser Menge leisten konnte.

Elfenbeinschildchen: Vorläufer der Etiketten?

Im Grab U-j fanden sich außerdem viele kleine Elfenbeinplättchen mit Löchern zum Anbinden. Sie tragen eingeritzte, hieroglyphenartige Zeichen. Forscher vermuten, dass sie Ortsnamen bezeichnen und dazu dienten, Abgaben und Lieferungen nachzuverfolgen; zwei Plättchen scheinen die Orte Baset und Buto zu nennen.

Ob die Schildchen direkt an Weinkrügen hingen, ist nicht belegt. Sie zeigen aber, wie früh im Niltal Waren gekennzeichnet und verwaltet wurden – ein Grundgedanke, der sich später auf den Weinkrügen fortsetzte.

Neben Traubenresten enthielten die Krüge auch chemische Rückstände von Kräutern, Baumharzen und anderen Naturstoffen. Der Wein des Skorpion-Königs war also kein reiner Traubenwein im heutigen Sinn, sondern vermutlich ein mit Zusätzen versetztes Getränk. Das unterscheidet ihn von den deutlich älteren Krügen aus Georgien, in denen die Forscher keine solchen Zusätze fanden.

Weinbau am Nil

Auf Dauer blieb Ägypten nicht auf Importe angewiesen: Nach und nach wurden auch im Land selbst Reben gepflanzt. Den Herstellungsprozess zeigen Wandmalereien in Gräbern, die bereits um 2500 v. Chr. datieren. Auf solchen Darstellungen sind Trauben in Rot- und Violetttönen zu sehen, die zu Wein gepresst werden.

Diese Bilder sind für die Forschung wertvoll, weil sie den Ablauf von der Ernte bis zum Krug sichtbar machen. Sie haben aber eine Grenze: Ob am Ende ein roter oder ein heller Wein entstand, lässt sich aus der Traubenfarbe allein nicht ableiten. Denn die Farbe des Weins hängt davon ab, wie lange der Saft mit den Schalen in Kontakt bleibt – mehr dazu im Beitrag zur Rotweinfarbe.

Tutanchamun: Jahrgang, Herkunft, Winzer

Den berühmtesten Weinfund Ägyptens lieferte das Grab Tutanchamuns, das Howard Carter 1922 entdeckte. Tutanchamun regierte etwa 1336 bis 1327 v. Chr.; er bestieg den Thron mit etwa acht Jahren und starb vermutlich mit rund 17. In seinem Grab standen Weinkrüge, wie es für Könige üblich war.

Das Bemerkenswerte sind ihre Aufschriften. Die Krüge dieser Zeit wurden mit dem Produkt, dem Erntejahr, der Herkunft und sogar dem Namen des Weinbauern beschriftet. Damit enthielten sie im Kern die Angaben, die auch heute auf einem Weinetikett stehen: Was ist es, aus welchem Jahrgang, woher, von wem. Nur eine Angabe fehlte: die Farbe des Weins.

Rot oder weiß? Die Chemie gibt die Antwort

Weil der Wein in den Krügen längst eingetrocknet war, blieb seine Farbe lange unbekannt. Die Ägyptologin Maria Rosa Guasch-Jané von der Universität Barcelona entwickelte deshalb ein Verfahren, um Syringasäure nachzuweisen, eine Verbindung, die nach ihren Angaben in Weißwein nicht vorkommt. Mit Flüssigchromatographie und Massenspektrometrie analysierte sie Rückstände aus Krügen, die im British Museum in London und im Ägyptischen Museum in Kairo aufbewahrt werden.

Ihr Ergebnis: Tutanchamun bekam Rotwein mit ins Grab. „Es ist das erste Mal, dass jemand einen antiken Rotwein gefunden hat“, sagte Guasch-Jané. Ihre Methode hatte sie zuvor in der Fachzeitschrift Analytical Chemistry veröffentlicht; die Ergebnisse zu Tutanchamun stellte sie 2005 im British Museum vor. Laut Phys.org stammten die Proben aus acht Krügen aus Tutanchamuns Grab; NBC News spricht von zwei Krügen aus dem Grab, die in die Untersuchung eingingen.

Was genau der König da trank, lässt sich trotzdem nur grob sagen. Über Geschmack, Süße oder Alkoholgehalt geben die Rückstände keine Auskunft. Fest steht nur: Es war ein Wein aus roten Trauben, sorgfältig beschriftet und mit dem Anspruch abgefüllt, den König im Jenseits zu versorgen.

Wie Archäologen Wein nachweisen

Dass wir über den Wein der Pharaonen überhaupt etwas wissen, verdanken wir der Archäochemie. Die Werkzeuge haben sich über die Jahrzehnte stark verbessert:

  • Infrarotspektroskopie: Mit ihr wurde in den Krügen des Skorpion-Königs Weinsäure nachgewiesen, die in größeren Mengen fast nur in Trauben vorkommt.
  • Flüssigchromatographie: Sie deutete in denselben Krügen auf Bestandteile von Terebinthenharz hin.
  • Neutronenaktivierungsanalyse: Sie bestimmt die chemische Zusammensetzung des Tons und damit die Herkunft der Gefäße.
  • Flüssigchromatographie mit Massenspektrometrie: Mit ihr fand Guasch-Jané den Farbmarker in Tutanchamuns Krügen.

Zur Einordnung hilft ein Blick auf die Zeitachse der frühen Weinfunde:

Zeit (ca.)OrtBefund
6000–5800 v. Chr.Georgienälteste chemische Weinspuren in Tonkrügen
5400–5000 v. Chr.Iran (Hajji Firuz Tepe)Weinrückstände in Gefäßen
um 4100 v. Chr.Armenien (Areni)Presse, Gärgefäße, Traubenkerne
um 3150 v. Chr.Ägypten (Abydos)importierter Wein im Grab von Scorpion I.
um 2500 v. Chr.ÄgyptenGrabmalereien zur Weinbereitung
1336–1327 v. Chr.ÄgyptenRegierungszeit Tutanchamuns, beschriftete Weinkrüge

Typische Missverständnisse

  • „Die Ägypter haben den Wein erfunden.“ – Die ältesten Nachweise stammen aus dem Kaukasus und dem Iran; Ägypten importierte Wein zunächst aus der Levante.
  • „Im alten Ägypten trank jeder Wein.“ – Wein war ein Luxusgut der Könige und der Oberschicht; einfache Leute tranken ihn nur zu besonderen Anlässen.
  • „Etiketten sind eine moderne Erfindung.“ – Schon die Krüge im Grab Tutanchamuns nannten Erntejahr, Herkunft und Winzer.
  • „Man weiß genau, wie der Wein der Pharaonen schmeckte.“ – Rückstände verraten Inhaltsstoffe und Farbe, aber kaum etwas über den Geschmack.

Die Geschichte des Weins führt vom Nil weiter ans Mittelmeer, wo Griechen und Römer den Weinbau verbreiteten – mehr dazu im Beitrag Wein bei Griechen und Römern. Weitere Beiträge findest du in unserer Kategorie Weingeschichte.

Passend dazu bei weinverbot.de

Häufige Fragen

Gab es im alten Ägypten Wein?

Ja. Wein war ein Luxusgetränk der Könige und der Oberschicht. Schon um 3150 v. Chr. wurde einem frühen König importierter Wein ins Grab gelegt.

Woher kam der älteste Wein in Ägypten?

Die Krüge aus dem Grab von Scorpion I. in Abydos stammten nach Ton- und Formanalysen aus der südlichen Levante, aus dem Gebiet des heutigen Palästina.

Welchen Wein trank Tutanchamun?

Chemische Analysen von Maria Rosa Guasch-Jané zeigten, dass Krüge aus seinem Grab Rotwein enthalten hatten.

Hatten ägyptische Weinkrüge Etiketten?

Zur Zeit Tutanchamuns wurden die Krüge mit Produkt, Erntejahr, Herkunft und Namen des Weinbauern beschriftet.

Quellen

Wein ist ein Genussmittel. Diese Seite richtet sich ausschließlich an Erwachsene. Bitte genieße verantwortungsvoll.

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