Kurz gesagt: Flaschen mit Naturkorken werden traditionell liegend gelagert, damit der Korken nicht austrocknet. Für Schraub-, Glas- und Kronkorkenverschlüsse ist die Lage egal. Forschung und Korkindustrie stellen die alte Regel inzwischen teilweise infrage – für lange Lagerung bleibt liegend aber die übliche und praktische Wahl.
Die klassische Regel
Wer einen Weinkeller betritt, sieht fast überall dasselbe Bild: Flaschen, die liegend in Regalen ruhen. Die Begründung ist einfach. Liegt die Flasche, berührt der Wein den Korken und hält ihn feucht. Ein ausgetrockneter Korken könnte schrumpfen, Luft hereinlassen und den Wein oxidieren lassen.
So erklärt es zum Beispiel Wine Spectator: Wird eine Flasche liegend gelagert, bleibt der Teil des Korkens, der den Wein berührt, feucht. Ein trockener Korken kann schrumpfen, Luft einlassen und sogar zu Auslaufen führen; der Wein altert dann vorzeitig und verliert Aroma. Ein bröseliger Korken lässt sich außerdem schwerer ziehen – wer das schon einmal erlebt hat, kennt das Problem aus dem Artikel Korken abgebrochen.
Auch die Deutsche Wein- und Sommelierschule rät bei Naturkorken zur liegenden Lagerung, ebenso g-wie-gastro: Liegend umspült der Wein den Korken, der dadurch nicht austrocknet.
Der Einwand: Feuchtigkeit im Flaschenhals
Ausgerechnet aus der Korkindustrie kommt der lauteste Widerspruch. Miguel Cabral, Entwicklungschef des portugiesischen Korkherstellers Amorim, nannte die Regel in einer öffentlichen Diskussion einen Mythos. Sein Argument laut wein.plus: Im Luftraum zwischen Wein und Korken, dem sogenannten Kopfraum, liegt die Luftfeuchtigkeit nahe 100 Prozent. Der Korken trocknet deshalb auch in einer stehenden Flasche nicht aus. Die Feuchtigkeit des Kellers spiele für das Innere der Flasche keine Rolle.
Cabral ging noch weiter: Dauerhafter Kontakt mit Wein könne den Korken unter bestimmten Bedingungen sogar brüchig machen. Zudem reiche schon eine Feuchte von 90 bis 95 Prozent im Flaschenhals, damit Phenole aus dem Korken in den Wein übergehen.
Er stützt sich auf eine Studie, die er 2005 mit Kollegen des Australian Wine Research Institute (AWRI) veröffentlicht hat. Laut VinePair untersuchte sie verschiedene Verschlüsse und Lagerbedingungen an einem Riesling und einem im Holz ausgebauten Chardonnay über fünf Jahre. Das Fazit im Abstract: Die Flaschenlage hatte unter den Studienbedingungen wenig Einfluss auf Zusammensetzung und Sensorik der Weine.
Spannend ist ein Nebenaspekt, den Cabral laut wein.plus ebenfalls beschrieb: Über Jahre der Lagerung reagieren Phenole aus dem Korken mit dem Wein. Dabei entstehen Aromastoffe, die an Noten aus dem Barrique erinnern – kein Zufall, denn Kork stammt von der Korkeiche. Cabral nannte diese Verbindungen „Corklins“; sie sollen Farbe und Bitterstoffe des Weins langsam verändern. Ob man das als Vorteil oder Nachteil sieht, ist Geschmackssache. Es zeigt aber, dass der Korken mehr ist als ein Stöpsel.
Wie du die Debatte einordnen solltest
Heißt das, die liegende Lagerung ist überflüssig? So einfach ist es nicht. Ein paar Punkte solltest du im Hinterkopf behalten:
- Cabral arbeitet für einen Korkhersteller – das macht seine Aussagen nicht falsch, aber man sollte es wissen.
- Die zitierte Studie bezog sich auf bestimmte Weine, Verschlüsse und Bedingungen über fünf Jahre. Für Jahrzehnte im Keller sagt sie wenig.
- Die etablierte Praxis bei Fachleuten und Fachmedien wie Wine Spectator bleibt die liegende Lagerung, gerade auf lange Sicht.
- Selbst VinePair, das über Cabrals Aussagen berichtete, räumt ein: Liegend lagern spart Platz und macht die Flaschen leichter zugänglich.
Unterm Strich: Für Weine, die du innerhalb von Monaten oder wenigen Jahren trinkst, ist die Lage der Flasche nach heutigem Wissen kein großes Thema. Bei wertvollen Korkweinen, die lange reifen sollen, bist du mit der liegenden Lagerung auf der sicheren und traditionell bewährten Seite.
Typische Missverständnisse, die dir in Gesprächen über Weinlagerung begegnen:
- „Stehend wird jeder Wein nach kurzer Zeit schlecht.“ Nein. Für einige Wochen oder Monate ist das unproblematisch, wie die Praxis in jedem Weinhandel zeigt.
- „Liegend lagern ersetzt einen guten Lagerort.“ Auch nicht. Eine liegende Flasche im warmen Wohnzimmer altert trotzdem schneller als eine stehende im kühlen Keller.
- „Kopfüber lagern ist noch besser.“ Wine Spectator rät davon ab; diese Variante wird zwar gelegentlich praktiziert, aber allgemein nicht empfohlen.
- „Schraubverschluss bedeutet einfacher Wein.“ Die Verschlussart sagt nichts über die Qualität. Viele hochwertige Weißweine tragen heute einen Schraubverschluss.
Welcher Verschluss wie gelagert wird
Viel wichtiger als die Grundsatzfrage ist ein Blick auf den Verschluss. Mehr Hintergründe dazu findest du unter Flaschenverschlüsse.
| Verschluss | Lage | Begründung |
|---|---|---|
| Naturkorken | liegend | Korken bleibt feucht, traditionell empfohlen |
| Schraubverschluss | beliebig | kein Korken, der austrocknen kann |
| Glasverschluss | beliebig | dichtet unabhängig von der Lage |
| Kunststoffkorken | beliebig | laut t-online keine liegende Lagerung nötig |
| Kronkorken | stehend möglich | laut g-wie-gastro |
| Sherry, Portwein | stehend möglich | laut g-wie-gastro vertragen sie Sauerstoff |
Wine Spectator ergänzt: Schraubverschluss-Weine müssen nicht liegen, es schadet ihnen aber auch nicht. Wenn dein Regal für liegende Flaschen gebaut ist, kannst du also alles gemeinsam einsortieren.
Eine Besonderheit nennt g-wie-gastro für Biowein: Wegen der niedrigeren gesetzlichen Schwefelgrenzen oxidierten stehend gelagerte Flaschen schneller. Hier empfiehlt die Seite dunkle, ruhige und liegende Lagerung.
Was ist mit Schaumwein?
Bei Sekt und Champagner ist die Lage ein häufiges Diskussionsthema. Laut g-wie-gastro dürfen Schaumweine mit Kunststoffpfropfen stehend aufbewahrt werden. Für Schaumwein mit Naturkorken gilt die allgemeine Regel: Für längere Lagerung ist liegend die übliche Wahl. Wer Sekt ohnehin binnen weniger Monate trinkt, muss sich darüber kaum Gedanken machen.
Wichtiger als die Lage ist bei Schaumwein der Schutz vor Licht – viele Flaschen bieten nur begrenzten Schutz. Mehr dazu im Ratgeber Wein richtig lagern. Und wie du die Flasche später sicher öffnest, steht unter Sekt und Champagner richtig öffnen.
Praxis: So sortierst du deinen Vorrat
- Lagerweine mit Naturkorken: liegend, kühl und dunkel, möglichst wenig bewegen.
- Alltagsweine für die nächsten Wochen: Lage egal – stehend im Vorratsschrank ist in Ordnung.
- Schraubverschluss: wie es Platz und Regal hergeben.
- Angebrochene Flaschen: immer stehend und gut verschlossen im Kühlschrank, siehe geöffneten Wein aufbewahren.
Ein Tipp für den Alltag: Lege die Flaschen so ins Regal, dass das Etikett nach oben zeigt. Dann siehst du auf einen Blick, was du hast, und musst nicht jede Flasche herausziehen. Bei liegender Lagerung setzt sich außerdem eventuelles Depot auf einer Seite ab – das erleichtert später das Dekantieren.
Wer neu einrichtet, findet passende Lösungen bei unseren Weinregalen. Für Wohnungen ohne Keller lohnt ein Blick auf den Weinkühlschrank, der Flaschen in der Regel ohnehin liegend aufnimmt.
Fazit
Die alte Regel „Wein muss liegen“ ist nicht falsch, aber sie gilt nicht für jede Flasche. Bei Naturkorken und langer Lagerung ist liegend die bewährte Wahl, auch wenn Korkforscher den Effekt geringer einschätzen als lange gedacht. Für Schraubverschlüsse, Glasverschlüsse und Weine, die bald getrunken werden, ist die Lage egal. Entscheidend für die Qualität bleiben Temperatur, Dunkelheit und Ruhe.
Wenn du also gerade ein Regal planst: Wähle eines, das Flaschen liegend aufnimmt. Damit bist du für jeden Verschluss gerüstet, sparst Platz und musst dir über die Debatte keine Gedanken mehr machen. Und wenn ein paar Alltagsflaschen in der Küche stehen, ist das völlig in Ordnung.
Passend dazu bei weinverbot.de
- Weinregale – Flaschen liegend lagern
- Weinkühlschränke – Lagern ohne Keller
- Korkenzieher – Korken sauber ziehen
Häufige Fragen
Muss Wein mit Schraubverschluss liegen?
Nein. Ohne Korken gibt es nichts, was austrocknen kann. Liegend schadet es aber auch nicht.
Wie lange darf eine Korkflasche stehen?
Für einige Wochen oder Monate ist stehende Lagerung unproblematisch. Für lange Lagerung empfehlen Fachleute weiterhin die liegende Position.
Stimmt es, dass der Korken im Stehen nicht austrocknet?
Das sagt Amorim-Entwicklungschef Miguel Cabral mit Verweis auf eine Studie von 2005: Im Flaschenhals liege die Feuchte nahe 100 Prozent. Die gängige Praxis bleibt trotzdem die liegende Lagerung.
Wie lagere ich Portwein und Sherry?
Laut g-wie-gastro dürfen sie stehend gelagert werden, weil sie Sauerstoff vertragen.
Quellen
- Wine Spectator: Should I store bottles of wine upright or on their sides?
- wein.plus: Amorim-Entwicklungschef Cabral zur liegenden Lagerung
- VinePair: Scientist says storing wine sideways is a myth
- g-wie-gastro: Weine richtig lagern
- Volksstimme/dapd: Wein mag es kühl und feucht
- t-online: Wie lange ist Rotwein haltbar?
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