Steillagen-Weinbau: Arbeit am Hang

Kurz gesagt: Als Steillagen gelten Weinberge mit mehr als 30 Prozent Gefälle, die sich in der Regel nicht mit normalen Maschinen bewirtschaften lassen. In Deutschland betrifft das rund 15 Prozent der Rebfläche, vor allem an Mosel, Rhein, Ahr, Nahe, Main, Neckar und Elbe. Der Arbeitsaufwand ist um ein Vielfaches höher als in der Ebene.

Was ist eine Steillage?

Wer einmal an der Mosel stand und die Weinberge über sich aufragen sah, ahnt, warum der Begriff Steillage nicht übertrieben ist. Fachlich gelten als Steillagen Hangflächen mit über 30 Prozent Gefälle, die in der Regel nicht maschinell zu bewirtschaften sind. So definiert es etwa ein Vermerk des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum (DLR) in Rheinland-Pfalz. Noch steilere Flächen werden als Steilstlagen bezeichnet.

Das Gegenstück sind Direktzuglagen: flachere Weinberge, in denen ein Schlepper oder Traktor direkt durch die Rebzeilen fahren kann. Laut DLR ist der Direktzug bis zu einer Hangneigung von etwa 55 Prozent möglich, wenn die Weinberge entsprechend angelegt sind – etwa nach einer Flurbereinigung.

Wo es in Deutschland Steillagen gibt

Laut Deutschem Weininstitut gibt es in den 13 deutschen Anbaugebieten zusammengenommen rund 15.000 Hektar Steillagen, etwa 15 Prozent der gesamten Rebfläche. Viele davon liegen an den Hängen der Flusstäler von Mosel, Rhein, Ahr, Main, Nahe, Neckar und Elbe sowie in der Ortenau in Baden.

Das Paradebeispiel ist die Mosel. Laut Deutschem Weininstitut liegt dort etwa die Hälfte der Weinberge auf steilen, oft terrassierten Hängen, und fast alle Trauben müssen von Hand gelesen werden. Der Bremmer Calmont gilt als steilster Weinberg Europas. Geprägt sind die Steillagen der Mosel von devonischem Schiefer – und vom Riesling, der rund 62 Prozent der Mosel-Rebfläche einnimmt.

Die Zahlen aus dem DLR-Vermerk von 2009 zeigen die Dimension: Von rund 8.981 Hektar bewirtschafteter Weinbaufläche an der Mosel lagen damals 4.090 Hektar in Steil- und Steilstlagen. Die durchschnittliche Parzelle in Steillagen war nur 1.200 Quadratmeter groß, in manchen Gemeinden sogar nur 600.

Warum Steillagen so viel Arbeit machen

Im Steilhang ist fast alles Handarbeit: Rebschnitt, Biegen, Laubarbeit, Pflanzenschutz und Lese. Laut DLR ist der Arbeitsaufwand in Steillagen 2,5- bis 3,8-mal so hoch wie in Direktzuglagen. Am Calmont rechnet das Weingut Franzen mit rund 1.200 Arbeitsstunden pro Hektar und Jahr; in Weinbergen, in denen ein Vollernter fahren kann, sind es nach Angaben der Winzerin etwa 200 Stunden.

Hinzu kommen Besonderheiten wie die Einzelpfahlerziehung, bei der jeder Rebstock an seinem eigenen Pfahl steht. „Dafür braucht man viel Gefühl, und es sieht wunderschön aus“, sagt Angelina Franzen. Bei der Lese füllen Helfer ihre Eimer und leeren sie in eine Hotte, eine auf dem Rücken getragene Kiepe, die dann den Hang hinunter oder hinauf geschleppt wird. Mehr zur Ernte im Beitrag Die Weinlese.

Technik am Hang

Damit Steillagen bewirtschaftbar bleiben, gibt es eine ganze Reihe technischer Lösungen:

TechnikFunktion
SeilzugGeräte werden per Seilwinde den Hang hinaufgezogen; aufwendig und kostenintensiv
DirektzugSchlepper fahren direkt in der Zeile, laut DLR bis etwa 55 % Neigung möglich
QuerterrassenWeinberg wird quer zum Hang in befahrbare Terrassen umgebaut
MonorackbahnZahnradbahn auf einer Schiene, transportiert Material und Lesegut; an der Mosel wurden rund 80 Bahnen gebaut
Raupen-Mechanisierungkettengetriebene Geräte für Steillagen, inzwischen auch mit Lesevorsatz
HubschrauberPflanzenschutz aus der Luft in nicht befahrbaren Lagen

Durch Steillagenvollernter ist die maschinelle Lese inzwischen auch in vielen Steillagen möglich. Wo die Maschine liest, wird allerdings eine nachgelagerte Sortierung im Weingut wichtiger, weil die Auswahl am Rebstock entfällt.

Ein zentrales Werkzeug ist außerdem die Flurbereinigung. Dabei werden winzige, verstreute Parzellen neu geordnet, Wege angelegt und Weinberge so umgestaltet, dass Maschinen eingesetzt werden können. Laut DLR-Vermerk liefen 2009 in Rheinland-Pfalz rund 40 Flurbereinigungsverfahren mit Steillagenflächen, 25 davon an der Mosel. Ein Pilotprojekt in Bernkastel erprobte eine Längsterrassierung, die Querneigungen bis 15 Prozent ausgleicht, ohne dass die Reben gerodet werden müssen. Für Verfahren in Steil- und Steilstlagen mit Seilzug waren Zuschüsse von bis zu 90 Prozent möglich. Teuer ist auch der Erhalt der Weinbergsmauern, die vielerorts Terrassen stützen und das Bild der Flusstäler prägen.

Bedrohte Kulturlandschaft

Steillagen sind Kulturlandschaft und Tourismusmagnet zugleich – terrassierte Hänge, Trockenmauern und Weinbergshäuschen prägen das Bild ganzer Flusstäler. Doch sie sind bedroht. Laut DLR-Vermerk war der Rebflächenrückgang an der Mosel mit 16 Prozent seit 2001 der höchste in Rheinland-Pfalz; jährlich gingen etwa 300 Hektar verloren, und rund 270 Betriebe pro Jahr gaben die Bewirtschaftung auf. Brachen drohen zu verbuschen und das Landschaftsbild zu verändern. Als Alternativen werden etwa Esskastanie, Walnuss, Weinbergspfirsich oder Beweidung diskutiert. Die aktuelle Fläche der Mosel beziffert das DWI auf 8.287 Hektar (2025). Wie eng Weinbau und Tourismus verflochten sind, betont auch Yannick Jaeckert von der Zeller Land Touristik, der den Tourismus der Region auf den Weinbau angewiesen sieht.

Das Hauptproblem ist die Wirtschaftlichkeit. Ein großer Teil der Mosel-Erzeugung wird als Fasswein zu deutlich niedrigeren Preisen verkauft, während die Kosten am Hang hoch bleiben. Walter Clüsserath, Präsident des Moselweinbauverbands, nannte die staatliche Steillagenförderung 2020 „ein Witz“, weil sie die Mehrkosten nicht decke. Die Länder fördern unter anderem Flurbereinigungen, Mauersanierungen, Spezialmaschinen und umweltschonenden Steillagenweinbau.

Dass sich Engagement lohnen kann, zeigt der Calmont: Ulrich Franzen hat dort ab Ende der 1990er-Jahre den Steillagenweinbau wiederbelebt, 112 Parzellen in der Lage Fachkaul gekauft und mit Riesling neu bepflanzt.

Was Steillagen für den Wein bedeuten

Warum der ganze Aufwand? Steile, nach Süden ausgerichtete Hänge fangen viel Sonnenlicht ein, Flüsse sorgen für ein ausgleichendes Klima, und die steinigen Böden führen Wasser schnell ab. Gerade in kühlen Regionen sind das ideale Bedingungen für spät reifende Sorten wie Riesling. Wie diese Faktoren zusammenwirken, erklärt der Beitrag Terroir.

Im Klimawandel verändert sich die Rechnung. Die Weinlese beginnt heute laut Deutschem Weininstitut deutlich früher als vor Jahrzehnten, und in sehr sonnigen Steillagen kann es zu warm werden. Am Calmont plant man deshalb, auch ostexponierte Lagen zu bewirtschaften, die täglich etwa drei Stunden weniger Sonne abbekommen. Mehr dazu im Beitrag Klimawandel im Weinbau.

Typische Missverständnisse und Tipps

  • „Steillage heißt automatisch besser.“ – Die Lage schafft Potenzial; ob ein großer Wein daraus wird, entscheiden Ertrag, Lese und Keller.
  • „Steillagenwein ist überteuert.“ – Bei einem Vielfachen an Arbeitsstunden ist ein höherer Preis oft schlicht notwendig, damit sich die Bewirtschaftung lohnt. Mehr dazu im Beitrag Preis und Qualität beim Wein.
  • „Steillagen gibt es nur an der Mosel.“ – Auch Mittelrhein, Ahr, Nahe, Franken, Württemberg, Sachsen und Baden haben bedeutende Steillagen.

Wenn du Steillagenweine kennenlernen willst, beginne mit Riesling von der Mosel. Der Peter und Peter Riesling Steillage trocken und seine feinherbe Variante zeigen, wie unterschiedlich derselbe Hang im Glas wirken kann. Und wer die Weinberge besucht: Viele Steillagen sind über Wanderwege erschlossen, ein Besuch während der Lese ist besonders eindrucksvoll – mehr Ideen im Beitrag Weinprobe beim Winzer.

Passend dazu bei weinverbot.de

Häufige Fragen

Ab wann gilt ein Weinberg als Steillage?

In der Regel ab einem Gefälle von über 30 Prozent. Solche Flächen lassen sich meist nicht mit normalen Maschinen bewirtschaften.

Wie viele Steillagen gibt es in Deutschland?

Laut Deutschem Weininstitut rund 15.000 Hektar, etwa 15 Prozent der deutschen Rebfläche.

Welcher ist der steilste Weinberg Europas?

Der Bremmer Calmont an der Mosel gilt als steilster Weinberg Europas.

Warum sind Steillagenweine teurer?

Der Arbeitsaufwand liegt laut DLR Rheinland-Pfalz beim 2,5- bis 3,8-Fachen von Direktzuglagen, weil fast alles von Hand erledigt wird.

Quellen

Wein ist ein Genussmittel. Diese Seite richtet sich ausschließlich an Erwachsene. Bitte genieße verantwortungsvoll.

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